16.07.2014

Rote Front und blaue Wände

Der Architekt Bruno Taut schuf in den 1920er-Jahren in Berlin die Hufeisensiedlung mit einer geradezu puristischen Farbigkeit

Berlin im Jahr 1925: Die Massenarbeitslosigkeit und die Umwälzungen infolge des Ersten Weltkriegs hatten Hunderttausende in die deutsche Hauptstadt getrieben. Die Wohnungsnot war gewaltig. Da bekam der Architekt Bruno Taut einen höchst interessanten Auftrag: Für die Gemeinnützige Heimstätten-Aktiengesellschaft (GEHAG) – eine der ersten Berliner Wohnungsbaugenossenschaften – sollte er eine Siedlung mit etwa 2.000 Wohnungen planen und bauen. So entstand die sogenannte Hufeisensiedlung – mit einem Konzept und einer Farbigkeit, die bis heute Maßstäbe setzt.

Die sogenannte Rote Front der Hufeisensiedlung hat auch nach über neunzig Jahren nichts von ihrer Aktualität verloren. Foto: Mangan2002, CC-Lizenz
Rote Front, Foto: Mangan2002, CC-Lizenz

Die Gebäude entstanden auf dem Gebiet des ehemaligen Rittergutes Britz im Bezirk Neukölln, der 1920 nach Berlin eingemeindet worden war. Kernstück des Siedlungsplans, den Taut gemeinsam mit dem Berliner Stadtbaurat Martin Wagner entwickelte, war eine hufeisenförmige Anlage von Reihenhäusern, die sich rund um einen kleinen See gruppierte. Dieses Hufeisen gab der Siedlung ihren Namen. Die insgesamt sechs Bauabschnitte umfassten jedoch zahlreiche weitere Gebäude in mehreren Straßenzügen rund um dieses Hufeisen.

Taut und Wagner konnten hier die Grundsätze des "Neuen Bauens", wie es damals hieß, in die Tat umsetzen: Das bedeutete zunächst einmal, lichtdurchflutete Wohnräume für die Bewohner zu schaffen, Wohnungen mit Wasseranschluss und eigener Toilette, was damals für Berliner Arbeiter alles andere als Standard war. Doch auch gestalterisch setzte Taut Maßstäbe: „Farbe ist Lebensfreude“ war einer seiner Grundsätze. So gestaltete er die Häuserfronten in klaren, deutlichen Farben mit lebendigen Kontrasten.

Die Hauseingänge mit den Türen sind bis heute in der Hufeisensiedlung besonders bunt. Fotos/Montage: BenBuschfeld, CC-Lizenz
Türen. Fotos/Montage: BenBuschfeld, CC-Lizenz

Zu den bis heute sichtbaren und längst legendären Fassaden gehört die Front der Fritz-Reuter-Allee: Die drei Stockwerke umfassende Fassade ist in Rot gehalten und wird daher im Volksmund "Rote Front" genannt. Andere Bereiche sind in Türkisgrün, in Gelb, Weiß oder in kräftigem Blau gestaltet. Besonders groß war die farbige Vielfalt jedoch bei den Hauseingängen: Türen in Weiß, in Blau, in Rot und Blau, in Gelb und Rot, in Türkis und Weiß und vielen weiteren Kombinationen bestimmen bis heute das Bild.

Auch in den Innenräumen pflegte Taut eine geradezu fröhliche Farbigkeit: Die Farbe sollte nicht nur die Tapeten, sondern auch die Bilder, Vorhänge und – in den Augen Tauts – all den anderen Plunder ersetzen, der sonst die meisten Wohnungen verzierte. So ließ Taut in den Wohnungen beispielsweise ein Zimmer blau streichen, ein anderes grün. Purismus bedeutete für ihn eben nicht, auf Farbe zu verzichten, sondern sie vielmehr großflächig und ohne Spielereien als Mittel der Gestaltung einzusetzen. Taut sprach in diesem Zusammenhang von der "frugalen Reinheit" der Farbe.

Auch in den Innenräumen setzte Taut auf Farbe als zentrales Gestaltungsmittel, wie diese Ansicht eines komplett originalgetreu renovierten Gebäudes aus der Hufeisensiedlung zeigt. Foto: Promo www.tautes-heim.de CC-Lizenz
Tautes Heim. Foto: Promo www.tautes-heim.de, CC-Lizenz

Die Architektur der Hufeisensiedlung, die in den Jahren 1925 bis 1933 entstand, hat den Zweiten Weltkrieg ohne große Schäden überstanden. Die GEHAG blieb auch nach dem Krieg Eigentümerin der Siedlung und setzte sich dafür ein, den Stadtteil als Ganzes zu erhalten. Bei einer umfassenden Sanierung in den 1990er-Jahren wurde zudem versucht, die originale Farbgebung der Außenfassaden wiederherzustellen. Im Innern mancher Wohnungen wurde auch die von Taut vorgesehene Farbigkeit wiederhergestellt. Denn im Lauf der Jahrzehnte waren viele Wandfarben doch wieder unter Weiß oder unter Tapete verschwunden, wenn sich die Mieter nicht mit den farblichen Ideen Tauts anfreunden konnten.

Heute ist die GEHAG vollständig privatisiert und zahlreiche Wohnungen der Siedlung sind an private Eigentümer und Investoren verkauft worden. Die gesamte Siedlung steht unter Denkmalschutz und ist seit 2008 in die Welterbe-Liste der UNESCO aufgenommen. Ein Verein verfolgt das Ziel, weiterhin einheitliche Standards für die Sanierung und den Erhalt des Gebäudebestands zu schaffen. (ud)