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28.09.2011

Roter Schlechtwetterbote

Warum das Morgenrot im Gegensatz zu seinem abendlichen Gegenstück einen etwas zweifelhaften Ruf besitzt

"Abendrot, gut Wetterbot', Morgenrot, schlecht Wetter droht", lautet eine der bekanntesten Bauernregeln. Besorgt blicken daher viele Menschen hinauf, wenn die Sonne morgens an einem glühend roten Himmel aufgeht: In der Tat kann dies Regen verheißen, wie Meteorologen bestätigen. Trotz dieses eher zweifelhaften Rufs kommt das Morgenrot jedoch in der Literatur und der Mythologie zu durchaus großen Ehren.

Den roten Himmel haben die Menschen von jeher als schicksalhaftes Phänomen angesehen. Foto: Suer, Photocase.com
Roter HImmel, Foto: Suer, photocase.com

Ob bei den Etruskern, bei den Griechen oder bei den Römern: Für die Morgenröte war in der Antike eine eigene Göttin zuständig, der die wichtige Aufgabe zukam, das Dunkel der Nacht zu vertreiben und der Sonne ihren Weg zu bereiten. Die Römer nannten die Göttin der Morgenröte Aurora, die Griechen Eos, bei den Etruskern hieß sie Thesan. Ihr Bruder war der Sonnengott, der mit seinem Wagen über den Himmel fuhr, ihre Schwester war die Göttin des Mondes, bei den Römern Luna und bei den Griechen Selene genannt.  Die Röte des morgendlichen Sonnenaufgangs hatte daher durchaus von Alters her eine mythische Bedeutung.

Als schicksalhaftes Zeichen am Himmel wurde das Morgenrot bis in die jüngste Geschichte gedeutet, wie zahlreiche Liedtexte zeigen, in denen es erwähnt wird: "Morgenrot, Morgenrot, leuchtest mir zum frühen Tod? Bald wird die Trompete blasen, dann muß ich mein Leben lassen, ich und mancher Kamerad!", beginnt das 1824 entstandene "Reiters Morgenlied" des schwäbischen Dichters Wilhelm Hauff. Etwas siegessicherer klingt das in einem revolutionären Arbeiterlied vom Beginn des 20. Jahrhunderts: "Dem Morgenrot entgegen, ihr Kampfgenossen all! Bald siegt ihr allerwegen, bald weicht der Feinde Wall!" Und der Schweizerpsalm, die ursprünglich als Kirchenlied komponierte Nationalhymne der Schweiz, beginnt mit den Worten: "Trittst im Morgenrot daher, seh’ ich dich im Strahlenmeer, Dich, du Hocherhabener, Herrlicher! Wenn der Alpenfirn sich rötet, betet, freie Schweizer, betet!". Erst in der zweiten Strophe wird hier übrigens das "Abendglühn" besungen.  

Vom Morgenrot als Vorbote des Tages ist in der Bibel an zahlreichen Stellen die Rede. Am bekanntesten ist jedoch die Passage aus dem Psalm 139: "Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,  so würde mich doch deine Hand daselbst führen und deine Rechte mich halten", heißt es da. Und im Matthäus-Evangelium ruft Jesus aus: "Des Abends sprecht ihr: Es wird ein schöner Tag werden, denn der Himmel ist rot;  und des Morgens sprecht ihr: Es wird heute Ungewitter sein, denn der Himmel ist rot und trübe."

Werden aufziehende Wolken von der aufgehenden Sonne angestrahlt, ergibt das häufig spektakuläre Farbstimmungen – allerdings oft gefolgt von Regenwetter. Foto: Manfred Heyde, CC-Lizenz
Aufziehende Wolken, Foto: Manfred Heyde, CC-Lizenz

Schon lange, bevor in Mitteleuropa die Tradition alter, lang überlieferter Bauernregeln entstand, war hier also festgehalten worden, was die Erfahrung bis heute bestätigt: Auf Morgenrot folgt häufig Regen, während Abendrot einen Wechsel zu sonnigem Wetter verheißt. Die Erklärung ist überraschend banal: Da auf der Nordhalbkugel Tiefdruckgebiete in der Regel von West nach Ost wandern, lässt sich die Wetterentwicklung der nächsten Stunden meist bereits durch einen einfachen Blick nach Westen vorhersagen. Öffnet sich bei sonst bedecktem Himmel hier des Abends ein heller Spalt, in dem die Sonne leuchtend rot untergeht, deutet das auf ein Aufklaren und damit einen sonnigen nächsten Tag hin. Abendrot kündigt daher oft gutes Wetter an.

Besonders schön und farbenprächtig sind häufig Sonnenaufgänge am Ende einer Schönwetterphase: Die am noch klaren Osthimmel aufsteigende Sonne taucht dann die bereits von Westen her aufziehenden Wolken in ein mildes, rotes Licht. Oft dauert es dann nicht lange, bis sich die Bewölkung verdichtet und Regenwetter folgt – die Verbindung von Morgenrot als Bote schlechten Wetters trifft also häufig zu.

Das Prinzip der Entstehung der roten Farbe am Himmel ist übrigens beim Morgen- und beim Abendrot völlig identisch: Die Moleküle der Luft und der darin enthaltenen Staubteilchen und des Wasserdampfes streuen das kurzwellige blaue Licht stärker als rotes Licht. Steht die Sonne nun dicht über dem Horizont, muss das Licht eine besonders lange Strecke in der Atmosphäre zurücklegen. Vom blauen Anteil des Sonnenlichts kommt daher kaum mehr etwas beim Betrachter an und das Licht erscheint rot. (ud)