02.02.2005

Schwarz: Wie eine unbunte Farbe modisch wurde

Vom Statussymbol der Mönche zum kleinen Schwarzen der Frauen

Echtes Schwarz war in der Mode schon immer etwas besonderes, denn Schwarz war nicht leicht zu färben. Den teuren Luxus gönnten sich als erstes die Mönche, bis später das Bürgertum an der sittsamen Farbe Gefallen fand. Bis heute steht Schwarz für innere Werte und Eleganz gleichermaßen, betont es doch die Abwesenheit von Farben und fokussiert den Blick auf das Gesicht.

Schlicht und zeitlos ist das von der Modeschöpferin Coco Chanel etablierte so genannte kleine Schwarze. Foto: Neiman Marcus/wikipedia
Foto: Neiman Marcus/wikipedia

Trendsetter beim Schwarz waren Kirchendiener, die um 1000 ihre Ordensfarben festlegten. Dabei ging es ihnen nicht nur um einen gewissen Einheitslook, sie wollten auch ihre Kutten verschönern und sich gegen die gescheckten, ungefärbten Wollstoffe armer Leute abgrenzen: So erhielten die Orden, deren Mönche in Armut lebten, eine einheitlich graue oder braune Kutte, wohingegen Orden, die einem gewissen Luxus nicht abgeneigt waren, schwarz für ihre Tracht wählten.

Schwarze Kleidung war damals recht teuer, da nur mit Galläpfeln ein intensives Schwarz gefärbt werden konnte. Das mit Erlenrinde hergestellte "Armenschwarz" war demgegenüber nur ein Dunkelgrau. Doch selbst das konnten sich nur wenige leisten. Farbe stand für Reichtum und Macht. Wer konnte, zeigte sich daher in intensiven Farben, selbst das Schwarz der Mönchskutten war Luxus.

Diese Aufteilung in farbintensiv und gedämpft-scheckig blieb lange Zeit erhalten. Hinzu kamen äußere Umstände, die der Bevölkerung die Lust auf Farben austrieb. Gebeutelt von der Pest, die als Schwarzer Tod von 1347 bis 1353 etwa ein Drittel der europäischen Bevölkerung dahinraffte, wähnte sich die Bevölkerung dem Weltenende nah. Da sahen es viele als an der Zeit, Buße zu tun.

Auch der 100 Jahre später einsetzende Preisverfall leuchtender Farben brachte nicht etwa eine Freiheit der Farbe: 1453 eroberten die Türken Konstantinopel, das damalige Zentrum der Färbekunst. Einigen Färbern gelang die Flucht und mit ihnen breitete sich die Färbekunst aus und wurde zu einem ganz normalen Handwerk. Die Preisunterschiede von gedämpften Eigenfarben zu leuchtenden Farben schwanden. Trotzdem konnte sich das Bürgertum nicht an dem erschwinglichen Farbenreichtum erfreuen. Es wollte sich unbedingt von den Anhängern einer ganz besonders bunten Mode abgrenzen: der Kleidung der Landsknechte, die als zumeist Söldner zu Fuß mit der Pike in den Kampf zogen.

Sie waren nicht nur für ihre Kampfeskunst bekannt, sondern auch für ihren Eifer bei der Plünderung eroberter Landstriche. Sie sammelten alte Kleidungsstücke – so genannten Plunder – zerrissen sie und teilten sie untereinander auf. Jeder Landsknecht nähte sich seine ergatterten Stofffetzen an die gepuffte und geschlitzte Kleidung. Daraus ergab sich die für sie typische zerhauene Tracht: Jeder Ärmel, jedes Hosenbein, jeder Strumpf war andersfarbig. Die ehrbaren Bürger wetterten erfolglos gegen die bunte Kostümierung, die sich heute noch ähnlich in manchen Karneval- und Fastnachtstrachten wiederfindet.

Farbige zeitgenössische Darstellungen von Landsknechten gibt es nur wenige. Eine Vorstellung von der Farbigkeit ihrer Kleidung geben diese Zinnfiguren. Bild: zinnfigur.com
Bild: zinnfigur.com

Kaiser Maximilian I. antwortete auf ihre Beschwerde: "Bei ihrem unseligen und kümmerlichen Leben muss man ihnen einen Spaß gönnen." Schließlich hatte er die Landsknechte erst ins Leben gerufen. Den Bürgern blieb nur, diese Kleidung als sittenlos zu verdammen und ihre teuren Stoffe schwarz zu färben – die einzige Farbe, die von den Landsknechten verschmäht wurde.

Endgültig verschwand die Popularität bunter Farben, als Spanien im 16. Jahrhundert Weltmacht wurde. Die Mode am Königshof war schwarz. Unter Kaiser Karl V. schwappten Inquisition und Frömmigkeit nach Mitteleuropa. Während die Päpste ein eher luxuriöses Leben führten, verbrachte Karl seine Zeit im Gebet und bei der Lektüre frommer Bücher. Auch dessen Sohn Philipp II. führte ein frommes, von strengen Ritualen geprägtes Leben in Abgeschiedenheit. Unter seiner Herrschaft kam tiefschwarze Kleidung mit riesigen, steifen, weißen Krägen, den so genannten Krösen, in Mode. Die Damen bei Hofe trugen teuren Schmuck zum edlen Stoff, was auf dem Schwarz sehr gut zur Geltung kam.

Auch die zu seiner Zeit von ihm heftig bekämpften Protestanten hatten es nicht so sehr mit den Farben. Martin Luther predigte in Schwarz. Er protestierte damit gegen die farbigen liturgischen Gewänder der katholischen Kirche. Der schwarze Mantel wurde und konnte damals laut Kleiderordnung von jedermann getragen werden, ganz im Sinne Luthers – vor Gott sind alle gleich. Später wurde der schwarze Talar auch zur Arbeitskleidung aller bürgerlichen Autoritäten.

Selbst bei Hochzeiten wurde um 1900 vielfach noch Schwarz getragen. Nur der Schleier war weiß. Der Grund: Ein vornehmes schwarzes Kleid konnte man später zu festlichen Angelegenheiten ohne Probleme wieder anziehen. Erst mit zunehmendem Wohlstand konnten Bräute es sich leisten, ein edles Kleid für einen einzigen Tag zu kaufen.

Ging es Luther damals in seiner Kleidung neben der Bescheidenheit auch um das Zeichen der individuellen Verantwortung, betonte 500 Jahre später das Schwarz die reine Individualität der Existenzialisten. Schwarz konzentriert die Wirkung eines Menschen auf sein Gesicht, das Zentrum der Individualität. So tragen bis heute viele Künstler und Architekten bevorzugt Schwarz.

Doch nicht die Existenzialisten verhalfen der unbunten Farbe zum Durchbruch in der Modewelt, sondern Coco Chanel. Sie führte erfolgreich "das kleine Schwarze" und damit eine Rocklänge jenseits von knöchelbedeckend lang ein, die eigentlich zu jeder Gelegenheit getragen werden kann und immer gut angezogen wirkt. "Drei Dinge braucht eine Frau: einen schwarzen Rock, einen schwarzen Pullover – und am Arm einen Mann, der sie liebt", sagte die Modeschöpferin einmal.

Wer heute schwarz trägt, ist immer auf der sicheren Seite, denn schwarz ist Eleganz ohne Risiko. Es betont die inneren Werte und ist zeitlos in den wechselnden Launen der Mode. Im Alter betont es leider auch die Falten, da es kein Licht reflektiert – vermutlich ist es daher eher eine Kleiderfarbe der Jugend.