19.07.2006

Schwarz, die Farbe der Leere, der Trauer und des Nichts

Auch wenn Schwarz überwiegend negativ belastet ist, ist es doch in manchen Kulturen ein Zeichen des Lebens

Ob schwarzer Peter, schwarzes Schaf oder Schwarzmalerei – die Farbe Schwarz hat im Deutschen eine Menge negativer Assoziationen. Pessimisten sehen schwarz, Melancholiker haben schwarzes Blut, und der Schwarzhandel, das Schwarzfahren und die Schwarzarbeit sind illegal. Im Vergleich mit anderen Farben kommt Schwarz nicht gut davon. Mit dem Grün der Hoffnung und dem Rot der Liebe kann es schwerlich mithalten.

Die auch Schwarze Sonne genannte Sonnenfinsternis gilt in vielen Kulturen als Unheilbringer. Foto: Pasternak/Nasa
Die auch Schwarze Sonne genannte Sonnenfinsternis gilt in vielen Kulturen als Unheilbringer. Foto: Pasternak/Nasa

Wenn Schwarz denn überhaupt eine Farbe ist – eine Frage, an der sich die Geister nach wie vor scheiden. Schwarz ist entschieden unbunt, und in vielerlei Hinsicht der Inbegriff der Abwesenheit aller Farbe, das Nichts. Physikalisch gesehen ist Schwarz die Farbe eines nichtleuchtenden Körpers, der alles Licht schluckt. Ein Schwarzes Loch im Universum ist ein Gravitationsfeld solcher Stärke, dass weder Materie noch Licht oder Information ihm entkommen können.

 

Wenn Finsternis, Leere und Nichts die Farbe Schwarz verkörpern, ist es kein Wunder, dass Schwarz mit negativen Verknüpfungen belastet ist. Wenigstens der Schornsteinfeger kann von Glück sagen – er ist dem schwarzen Fluch entkommen. Die schwarze Katze hatte da weniger Glück. Allerdings kommt der Mythos des Glück bringenden Schornsteinfegers nicht von ungefähr, er wurde von den Kaminfegern geradezu eingeführt: Sie verschenkten mit der Abrechnung zum Jahresende einen Kalender, auf dem neben den üblichen Glückssymbolen wie dem Kleeblatt, dem Hufeisen und dem Glücksschwein auch ein Schornsteinfeger abgebildet war – mit der Zeit wurde so der Schornsteinfeger selbst zum Glückssymbol.

 

Solch willkommenen Ausnahmen zum Trotz bleiben bei der Farbe Schwarz die Negativassoziationen jedoch in der Überzahl. Von Pechsträhnen und Unglücksraben bis zum schwarzen Freitag, an dem die Aktienkurse stürzen – die Liste lässt sich endlos fortsetzen. Allerdings gilt dies nicht für alle Länder und Kulturen. In Afrika, dem Schwarzen Kontinent, ist Schwarz die Farbe der fruchtbaren Erde. Der Unterschied zwischen fruchtbarer und unfruchtbarer Erde ist dem Afrikaner schmerzhaft bewusst, und so würdigt er die verheißungsvolle schwarze Erde entsprechend. Auch gilt Schwarz in Afrika als die Farbe des Volkes und symbolisiert das neue Selbstbewusstsein der unabhängig gewordenen Staaten.

In Afrika, dem Schwarzen Kontinent, steht Schwarz häufig für Fruchtbarkeit und Leben. Foto: Nasa
In Afrika, dem Schwarzen Kontinent, steht Schwarz häufig für Fruchtbarkeit und Leben. Foto: Nasa

Im Sinne des Urbeginns kommt Schwarz bereits in der Bibel vor: Nach der Schöpfung war die Erde zunächst "wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe", heißt es in Genesis. Das Ungeborene beginnt sein Dasein ebenfalls im Dunkel des Mutterleibs. So kann Schwarz auch Farbe des Lebens, der Energie, Kreativität und Fruchtbarkeit sein.

 

In der westlichen Welt gilt es dagegen als Trauerfarbe. Die Abwesenheit aller Farbigkeit und Zier soll die Trauer um den Toten ausdrücken, die den Trauernden das eigene Leben vernachlässigen lässt. Während Weiß für die Auferstehung steht, symbolisiert Schwarz dabei die Trauer um den irdischen Tod. Je mehr sich das Gewicht von der Hoffnung auf Auferstehung zur Trauer um den irdischen Tod verschiebt, desto mehr wird Schwarz zur Trauerfarbe. Nie ist es jedoch in einer Kultur Trauer- und Fruchtbarkeitsfarbe zugleich.

 

Neben der Abwesenheit aller Farbe steht Schwarz auch für die Abwesenheit allen Lichts. Dem Erlebnis der Sonnenfinsternis wird in manchen Kulturen ein besonderer Stellenwert beigemessen. Die Finsternis scheint die Sonne, den Lebensspender, zu verschlingen – ein unheimlicher Vorgang. So ist auch indischen Religionen beispielsweise ein besonderer Kult der "Schwarzen Sonne" bekannt, in dem die Verdunkelung der Sonne großes Unglück bedeutet.

 

Das Dunkel, die Schatten, die Finsternis – sie alle sind in der Farbe Schwarz enthalten. Was im Verborgenen geschieht, wird mit Schwarz assoziiert. Das gilt für das Unbewusste der menschlichen Psyche genauso wie für Geheimorden und Schwarze Magie. Schwarz ist undurchdringlich und wird deshalb oft als bedrohlich wahrgenommen. Im positiven Sinne kann es jedoch auch tiefgründig, mutig und entschieden sein. Druckerschwärze auf weißem Papier steht für Eindeutigkeit und Wahrheit. Was "schwarz auf weiß" geschrieben steht, hat ein besonderes Gewicht. So gewinnt Schwarz im Kontrast mit Weiß an Autorität. Auch eine Fotografie in Schwarz-Weiß scheint höheren dokumentarischen Wert zu haben als das gleiche Bild in Farbe.

 

Durch den Verzicht auf Buntheit entsteht der Anspruch auf Sachlichkeit und Funktionalität. Diese Eigenschaft macht Schwarz zur idealen Farbe für Hightech- Geräte wie Stereoanlagen, Kameras und Computer. Schwarz ist vernünftig und zugleich elegant. Das "kleine Schwarze", 1930 von Coco Chanel kreiert, ist noch heute ideal für alle formellen Gelegenheiten – es ist Eleganz ohne Risiko. Auch verleiht Schwarz Würde und Unnahbarkeit. Es unterstreicht die Individualität dessen, der Schwarz trägt, und lenkt nicht von der Person selbst ab. So fand auch der Existentialismus in der Farbe Schwarz seinen modischen Ausdruck: Die Anhänger Sartres trugen Schwarz.