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01.03.2006

Schwarz und Rot auf verschlungenen Wegen

Die Farben des Kartenspiels haben im Lauf der Geschichte eine bewegte Entwicklung durchlaufen

Kreuz, Pik, Herz und Karo sind Symbole, die jeder kennt. Doch außer dem Herzsymbol kommen die drei anderen nur im Kartenspiel vor. Ihre Farbgestaltung ist immer gleich: Pik und Kreuz sind in allen Kartenspielen schwarz, Herz und Karo immer rot. Bis es zu dieser Einheitlichkeit kam, hat das Kartenspiel jedoch einen langen und verschlungenen Weg zurückgelegt.

Von den unzähligen Spielkartenvarianten hat sich das so genannte Französische Blatt mit Kreuz, Pik, Herz und Karo unter den deutschen Skatspielern weitgehend durchgesetzt. Foto: ud
Von den unzähligen Spielkartenvarianten hat sich das so genannte Französische Blatt mit Kreuz, Pik, Herz und Karo unter den deutschen Skatspielern weitgehend durchgesetzt. Foto: ud

"Ursprünglich kommt das Kartenspiel aus Asien, da dort schon früher als in Europa das Papier bekannt war", erklärt Annette Köger-Kaufmann vom Deutschen Spielkartenmuseum in Leinfelden-Echterdingen. "Pergament-Kartenspiele hat es in Europa auch gegeben, aber das waren Spezialanfertigungen für Fürsten, für andere wäre das zu teuer gewesen."

 

Als auch in Europa die Papierherstellung aufkam, folgten die Kartenspiele bald nach. Die erste Erwähnung stammt von 1377 und ist sofort mit einem Verbot verbunden. Das Kartenspiel galt von Anbeginn an als anrüchig. Anders als beim Schach, zeigt Detlef Hoffmann in seiner "Kultur- und Kunstgeschichte der Spielkarte", sind die jeweiligen Spielkarten nur demjenigen bekannt, der sie auf der Hand hat – daher auch unsere Redewendung "sich nicht in die Karten gucken lassen". Wie leicht kann da der Teufel seine Hand im Spiel haben!

 

Trotz der Verbote von kirchlicher Seite spielten die Leute, und es bildeten sich in Italien, Spanien und Deutschland ganz eigene Symbole aus. Das italienische Blatt kannte folgende vier Farben – wobei im deutschsprachigen Raum unter Farben nicht nur die Farbe der Symbole zu verstehen ist, sondern auch die Symbole selbst: Die Keule (bastoni), die grün oder blau gemalt war, das Schwert (spade) in blau, der Becher (coppe) in rot und die Münzen (denari) in gelb.

 

Nicht alle Farben sind heute noch erklärbar. Uwe Volker Segeth zeigt in seinem Buch "Spielkarten" auf die Deutung des Rots für den Becher hin: Der Becher symbolisiere die Gastfreundschaft und "die Farbe Rot versinnbildlichte das blutrote Herz, denn Gastlichkeit sollte von Herzen kommen." Das Gelb für die Münzen stand für das Gold, wie sich leicht denken lässt.

Das Kartenspiel verbreitete sich bereits im Mittelalter über ganz Europa. Als die Spielkarten in bestimmten Regionen "aktenkundig" und teilweise mit einem Verbot belegt wurden, müssen sie schon länger in der Bevölkerung bekannt gewesen sein. "Sozial auffällig wurde das Spiel nicht bei Hof, sondern auf den Plätzen, in den Kneipen", schreibt Hoffmann.

 

Als es in Deutschland ankam, konnte man mit der Symbolik der italienischen Karten wohl wenig anfangen. Es entwickelten sich andere Symbole. Aus der Keule wurde, wie es Uwe Volker Segeth deutet, die Eichel (gelb-rot, gilt als schwarz), aus dem Schwert das Laub (grün), aus dem Becher das Herz (rot) und aus der Münze die Schelle (gelb). Da die Bilder ja nicht realistisch, sondern stilisiert gezeichnet wurden, sind manche Umbildungen vielleicht auch einfach als Missverständnis erklärbar.

 

So haben sich viele der Entwicklungen aufgrund sprachlicher Missverständnisse ergeben, erläutert die Kulturwissenschaftlerin Marianne Rumpf in einem Aufsatz. So ist die Umdeutung von den Münzen zur Schelle möglicherweise durch eine Verballhornung entstanden: "Denari" wurde als Wort in Deutschland nicht verstanden und umgebildet zu "de narri" – die Narren. Da Narren Schellen haben, wurde aus den Münzen die Schelle. Die gelbe Farbe stand dem nicht entgegen.

 

Das Pik könnte sich aus der Verbildlichung einer Wortmissdeutung ergeben haben: Das alte Symbol Schwert hieß "spade". Im Deutschen wurde dies vermutlich umgedeutet zu "Spaten", "Schaufel". Im französischen Blatt könnte dies übernommen worden sein und sich so das Pik herausgebildet haben. So wurde das einstige Schwert eine breite, abgerundete Fläche mit einem nur angedeuteten Stiel. Eventuell könnte laut Rumpf auch das deutsche Herz sich aus der Verbildlichung einer Verballhornung von "Spade" zu "Spaten" entwickelt habe.

 

Aus der deutschen Eichel, die mancherorts auch "Ecker" genannt wurde, konnte sich wiederum als Missverständnis die Bedeutung "Eckstein" herausbilden, französisch "quarreau", dann deutsch "Karo". Das, was heute als Kreuz bekannt ist, hat vermutlich eine komplizierte Entwicklungsgeschichte, in der das in manchen Kartenspielen auftauchende Symbol eines Schlüssels eine Rolle spielt. "Schlüssel" heißt auf Französisch "clé", was wiederum auf Deutsch als "Klee" missverstanden worden ist.

Fast unerschöpflich ist die Vielfalt der Motive und Darstellungen auf den europäischen Spielkarten. Foto: wikipedia
Fast unerschöpflich ist die Vielfalt der Motive und Darstellungen auf den europäischen Spielkarten. Foto: wikipedia

Diese Bedeutung ist rückübersetzt worden: Das, was heute von Deutschen im französischen Kartenblatt als Kreuz bezeichnet wird, heißt auf Französisch "trèfle" – und in manchen deutschen Regionen "Treff". Dass "Kreuz" "Kreuz" heißt, ist dann vermutlich darauf zurückzuführen, dass das Bild missgedeutet wurde. Sobald am Klee die Rundungen vernachlässigt werden, sieht das Symbol ja tatsächlich aus wie ein Kreuz.

 

Die französischen Farbzeichen entwickelten sich ungefähr ab dem 15. Jahrhundert. Sie sind zum einen schematischer und zum anderen nur in zwei Farben gehalten: Rot und Schwarz. Annette Köger-Kaufmann vom Spielkartenmuseum nimmt an, dass hinter diesen Farben vermutlich keine weitere inhaltliche Begründung zu suchen ist. "Schwarz war eben die typische Druckerfarbe, und als Kontrast hat man eine weitere Farbe hinzu genommen, und das war Rot. Weitere Farben zu verwenden, war wohl einfach zu teuer und zu aufwändig." Damit geht sie davon aus, dass das französische Kartenblatt erst nach dem Buchdruck entstand.

 

Detlef Hoffmann dagegen vermutet, dass die französischen Karten gerade wegen ihrer Schlichtheit nicht gedruckt werden mussten: "Da die französischen Zeichen anders als die deutschen, schweizerischen, italienischen oder spanischen über keine Binnenzeichnung verfügen, lediglich rote oder schwarze Flächen sind, deren Aussehen allein durch den Umriss bestimmt wird, konnten sie mit der Schablone aufgetragen werden und brauchten nicht gedruckt zu werden. Das Holzmodell war nur für die Figurenkarten zu schneiden – Arbeitskraft des Holzschneiders und des Druckers konnte man einsparen. Die rationelle Fertigungsweise setzte sich durch." Warum aber dann gerade die Farben rot und schwarz gewählt wurden, erklärt auch er nicht.

 

Vieles bei der Herausbildung der Farbzeichen hat verschlungene Wege genommen, die heute nur noch teilweise rekonstruierbar sind. Vielleicht, weil die Karten früh von Staat und Kirche verboten und verteufelt wurden, sind sie eine Volkskultur geblieben, die sich ausschließlich in der Mündlichkeit ausbreitete, veränderte und weiterentwickelte.