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06.06.2012

Schwarzer Adler, Fieberkurve und Schwingenmuster

Warum die deutsche Fußballnationalmannschaft seit einem Jahrhundert Weiß und Schwarz trägt

Was hat die deutsche Fußballnationalmannschaft mit Preußen zu tun? Als Antwort könnten natürlich die als preußisch geltenden Tugenden wie Disziplin, Pflichtbewusstsein, Fleiß und Tapferkeit angeführt werden, die viele Jahrzehnte in der Tat auch den deutschen Fußball geprägt haben dürften. Was jedoch in jedem Fall zutrifft, ist die Verbindung zwischen Preußen und der Farbe der Trikots: Schwarz und Weiß, die Farben Preußens, sind auch die Farben der Trikots und Hosen, in denen die Spieler seit vielen Jahrzehnten die meisten Länderspiele bestreiten.

Deutsche Nationalspieler treten von jeher in Schwarz und Weiß zu Länderspielen an: den Farben der preußischen Flagge. Grafik: David Liuzzo
Preußische Flagge, Grafik: David Liuzzo

Dass bei den Farben der Kleidung der Nationalspieler die Wahl gerade auf Schwarz und Weiß fiel, als Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten Mannschaften für Länderspiele aufgestellt wurden, hat seinen Grund in der dominierenden Stellung des preußischen Staats innerhalb des Deutschen Reichs. Und auch wenn Preußen als politisches Gebilde längst von der Bildfläche verschwunden ist, war es bei Schwarz und Weiß geblieben, auch nach zwei Weltkriegen und Zeiten politischen Wandels. Die Kombination weißer Trikots mit schwarzen Hosen hat sich dabei zum Standard entwickelt, spätestens seit Fritz Walter und seine Mitstreiter darin 1954 das "Wunder von Bern" vollbrachten. Bis auf wenige Ausnahmen hat sich an dieser Kombination auch nichts geändert. Gewechselt haben im Lauf der Jahrzehnte höchstens die Krägen, Ausschnitte und die meist schwarzen Bordüren der Trikots.

Auch der schwarze Adler selbst, der seit Jahrhunderten als dominierendes Element auf preußischen Wappen und Flaggen prangte, hat alle Zeitläufte überstanden und ist bis heute fester Bestandteil der Trikots, in denen die Nationalspieler zu Länderspielen auflaufen.

Bei den Olympischen Spielen 1912 in Stockholm prangte noch der preußische Adler groß auf der Brust der deutschen Nationalspieler. Foto: public domain
Olympische Spiele 1912, Foto: public domain

Zu Zeiten des Deutschen Kaiserreichs bedeckte er noch als geradezu riesenhafter Vogel die Brust der deutschen Nationsspieler, was sie mehr wie Ritter denn wie Sportler aussehen ließ, wie ein Bild von den Olympischen Spielen 1912 in Stockholm belegt. Heute ist der Adler hingegen zu einem Bestandteil des kleinen, runden Emblems des Deutschen Fußball-Bundes zusammengeschrumpft und hat damit Platz gemacht für das eine oder andere Werbelogo.

Als geradezu revolutionär muss es daher so manchem Betrachter erschienen sein, als 1988 tatsächlich doch ein wenig Farbe auf die deutschen Nationaltrikots gelangte: eine gezackte, schwarz-rot-goldene Linie, die sich quer über die Brust des Spielers vom einen zum anderen Oberarm erstreckte und die von manchem Kritiker als "Fieberkurve" verspottet wurde. Immerhin: In diesen Trikots wurde Deutschland 1990 Weltmeister, danach verschwand das Design allerdings in der Versenkung. Bei der Europameisterschaft 1992 sorgten nur noch zwei Streifen in Schwarz-Rot-Gold für etwas Farbe auf den weißen Trikots.

Der bei den meisten Fans unbestrittene geschmackliche Tiefpunkt wurde jedoch bei der WM 1994 erreicht: Ein Muster aus schwarzen, roten und goldenen Rauten schlang sich wie ein riesiger Kragen um die Hälse der Nationalspieler und sollte die Schwingen des Adlers symbolisieren.

Die Trikots der Nationalspieler für die EM 2012 sind nur noch mit hauchdünnen Streifen in Schwarz-Rot-Gold versehen – der preußische Adler im Emblem des Deutschen Fußballbundes darf jedoch nicht fehlen. Foto: adidas
Nationaltrikot 2012, Foto: adidas

Dieses auch als "Schwingendesign" bekannte Muster war nicht nur umstritten, weil es die Spieler ein wenig wie Mitglieder eines Fanfarenzugs aussehen ließ, sondern auch, weil die Nationalfarben am Kragen auf den Kopf gestellt worden waren: Schwarz war unten, Gold oben. Der Adler befand sich demnach im Sturzflug – was sich im Turnier übrigens bestätigte, denn die Deutschen schieden im Viertelfinale gegen Bulgarien aus.

Seither fiel der Einsatz der deutschen Nationalfarben wieder sparsamer aus: Meist zeigte sich das Schwarz-Rot-Gold nur in Form dünner Linien auf Trikots oder Hosen. Am auffälligsten waren da noch die farbigen Sicheln, die bei der WM 2006 Hemd und Hose der deutschen Spieler umschlangen. Bei der EM 2012 erscheinen die drei Farben nur noch als drei hauchdünne Linien auf den Trikots, und damit sind die Designer wieder weitgehend zum Urbild des deutschen Fußballers zurückgekehrt.

Farbig waren von jeher die Auswärtstrikots der deutschen Spieler, die jedoch oft nur getragen wurden, wenn die weißen Trikots nicht eingesetzt werden konnten. In Grün hatten die Deutschen beispielsweise bei der WM 1954 das Halbfinale gegen Österreich gewonnen, rote Trikots kamen bei einigen Länderspielen bis in die jüngste Zeit zum Einsatz. In schwarzen Trikots schließlich bestritt die Nationalmannschaft auch drei Spiele bei der WM 2010 in Südafrika. (ud)

 

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