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11.11.2015

Schwarzer Ernst des Lebens

Warum Existenzialisten, Puristen und Kreative seit Jahrzehnten Schwarz tragen

Es gibt Kleidungsstücke, mit denen kann man nichts falsch machen: Wer als Mann kühl und dabei tiefsinnig wirken möchte, wer sich mit einer Aura der Kreativität und Intellektualität umgeben möchte, der trage einen schwarzen Rollkragenpullover. Die Kombination dieser Farbe mit dem Kleidungsstück ist längst ein von vielen kultiviertes Klischee.

Der schwarze Rollkragenpullover ist längst zu einem – von vielen geliebtem – Klischee avanciert. Foto: Kanstantsin Prymachuk, 123rf.com
Der schwarze Rollkragenpullover ist längst zu einem – von vielen geliebtem – Klischee avanciert. Foto: Kanstantsin Prymachuk, 123rf.com

Die Suche nach der Herkunft dieses Kleidungsstücks beginnt im Großbritannien des späten 19. Jahrhunderts: Männer der britischen Oberschicht trugen beim Sport Pullover mit hohen, eng anliegenden Kragen. Letzterer war gerade bei den häufig unwirtlichen Wetterverhältnissen auf der Insel von Vorteil, was auch der Grund dafür war, dass er bald auch beim hart arbeitenden Teil der Bevölkerung, den Seeleuten und Arbeitern auf dem Bau und in den Docks, Verbreitung fand.

Wer sich heute einen klassischen Seemann vorstellt, bei dem wird sehr wahrscheinlich ein Rollkragenpullover vor dem geistigen Auge auftauchen. Schwarz ist dieser imaginäre Pullover dabei keineswegs – vielmehr dürfte er blau oder sogar weiß-blau geringelt sein.

Das änderte sich jedoch in den 1950er-Jahren: In Paris entstand die philosophische Strömung des Existenzialismus, dessen intellektuelle Wegbereiter Denker wie Jean-Paul Sartre und Albert Camus waren. Nach Ansicht der Existenzialisten ist der Mensch allein durch seine eigene Existenz definiert – nicht durch eine äußere, beispielsweise göttliche Ordnung. Mit Rollkragenpullovern hat das freilich zunächst nichts zu tun. Und auf historischen Fotos sind Sartre und Camus immer nur in dunklen Anzügen und mit Krawatte zu sehen.

Doch mit dem Existenzialismus scheint die Zeit reif gewesen zu sein für den introvertierten Melancholiker, den auf das Wesentliche beschränkten Puristen (oder dem, der es zu sein vorgab), der nun die Pariser Cafés und Bistros bevölkerte und bevorzugt eine Farbe trug: Schwarz. Mit dieser Nicht-Farbe zeigte er, dass er sich nicht von unwesentlichen Dingen beeinflussen ließ, vielleicht sogar, dass er den Ernst des Lebens erkannt hat. So entstand das Bild vom existenzialistischen Schwarz, das in einem ebenfalls aufs Wesentliche beschränkten Kleidungsstück eine geradezu ideale Ergänzung fand: im Rollkragenpullover.

Steve Jobs, Mitbegründer des Apple-Konzerns, trat in den letzten Jahren seines Lebens fast ausschließlich im schwarzen Rollkragenpullover auf. Foto: James Mitchell, CC-Lizenz
Steve Jobs, Mitbegründer des Apple-Konzerns, trat in den letzten Jahren seines Lebens fast ausschließlich im schwarzen Rollkragenpullover auf.   Foto: James Mitchell, CC-Lizenz

Jahrzehnte sind seither vergangen, und auch wenn das Bild vom schwarzen Rollkragenpullover längst klischeehafte Züge angenommen hat: Schwarz wird nach wie vor überproportional häufig von Menschen in kreativen Berufen getragen. So mancher Kongress von Architekten oder Designern lässt an Beerdigungsgesellschaften denken.

Die deutsche Architektin und Journalistin Cordula Rau verarbeitete das Phänomen sogar in einem Buch, in dem sie die (vermeintlichen) Träger schwarzer Kleidung selbst zu Wort kommen lässt: "Why Do Architects Wear Black?", lautet der Titel. Darin erklären Architekten mehr oder minder ernsthaft, warum sie tatsächlich Schwarz tragen – oder eben gerade nicht.

Zu den Ikonen schwarzer Kleidung des 20. und 21. Jahrhunderts gehört Steve Jobs, der 2011 verstorbene Mitgründer und Übervater des Computerkonzerns Apple: Kaum ein Foto aus den letzten Jahrzehnten seines Lebens, das ihn nicht im schwarzen Rollkragenpullover zeigt.

In seiner Biografie erklärt er, wie zu einen unerschöpflichen Fundus an solchen Kleidungsstücken gelangt war: Nach dem Vorbild mancher japanischer Unternehmen wollte er für seine Mitarbeiter eine Art Betriebsuniform durchsetzen und ließ dafür den japanischen Designer Issey Miyake Muster anfertigen. Mit seiner Idee konnte er sich bei seinen Leuten nicht durchsetzen – doch die mehreren hundert Pullover, die Miyake für ihn produzieren ließ, reichten ihm für den Rest seines Lebens. (ud)