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21.07.2004

Sehen Männer und Frauen die Welt der Farben anders?

Eine große Zahl von Varianten des Rot-Gens könnte Frauen zu einem etwas ausgeprägteren Farbunterscheidungsvermögen verhelfen, vermuten Forscher.

Männer und Frauen sehen die Welt anders, zumindest was die Farben betrifft. Darauf deuten Genanalysen amerikanischer Forscher hin: In dem Gen, das die Informationen für den roten Sehfarbstoff enthält, haben die Wissenschaftler erstaunlich viele Varianten gefunden, was Frauen zu einem etwas differenzierteren Sehvermögen verhelfen könnte.

Evolutionsvorteil: Rote Früchte vor grünem Hintergrund erkennen zu können.
Evolutionsvorteil: Rote Früchte vor grünem Hintergrund erkennen zu können.

Da das Gen auf dem X-Chromosom liegt, macht sich die ungewöhnliche Vielfalt bei Frauen besonders stark bemerkbar: Sie haben zwei Kopien des Gens, während Männer immer nur eine haben können. Die zwei Versionen unterscheiden sich häufig leicht und tragen damit auch jeweils leicht andere Informationen für die Sehpigmente. Die Sehfarbstoffe sind dadurch in verschiedenen Bereichen des Spektrums maximal empfindlich. Dies könnte es manchen Frauen ermöglichen, ein breiteres Farbspektrum im Rot-Orange-Bereich wahrnehmen und unterscheiden zu können, folgern Brian Verrelli von der Arizona State University und Sahra Tishkoff von der University of Maryland. "Männer und Frauen könnten die Welt also buchstäblich anders sehen", sagt Tishkoff.

Verrelli und Tishkoff hatten das Erbgut von insgesamt 236 Freiwilligen aus Europa, Asien und Afrika untersucht und ihre Daten mithilfe statistischer Modelle analysiert. Dabei konzentrierten sie sich besonders auf die Variation des Gens OPN1LW. Dieses Gen liefert die Information für das Protein, das für die Lichtwahrnehmung im roten Bereich des Spektrums zuständig ist. Von Zeit zu Zeit tauscht OPN1LW Informationen mit dem benachbarten Farbwahrnehmungs-Gen für das grüne Sehpigment.

Dieser rege Austausch verursacht einerseits eine große Zahl genetischer Variationen. Andererseits kann er aber auch dazu führen, dass ein Teil der Information verloren geht und eine Beeinträchtigung der Farbwahrnehmung entsteht. Dann kommt es zu dem Phänomen, das umgangssprachlich als Farbenblindheit bezeichnet wird.

In den meisten Fällen ist es nicht wünschenswert, dass zu viel Information zwischen unterschiedlichen Genen ausgetauscht wird und damit eine hohe Variabilität entsteht. Zu schnell könnte daraus ein irreparabler Schaden wie zum Beispiel die Farbenblindheit resultieren. Daher wird dies im Rahmen der natürlichen Selektion eher vermieden. "Im Fall von OPN1LW sieht das aber anders aus", sagt Tishkoff. "Wir haben 85 Varianten dieses Gens gefunden. Das ist annähernd dreimal mehr als das, was man in jedem anderen zufällig ausgewählten menschlichen Gen findet."

Bei OPN1LW trägt die natürliche Selektion offenbar sogar dazu bei, die Variation aufrechtzuerhalten, vermuten die Forscher. Die ungewöhnliche Vielfalt hat im Laufe der Evolution möglicherweise Bestand, weil sie dem Menschen, vor allem aber den Frauen, eine bessere Farbwahrnehmung ermöglichte. Dies könnte in einer Zeit, als der Mensch noch als Jäger und Sammler lebte, eine entscheidende Rolle gespielt haben. Das verbesserte Farbsehen könnte es Frauen beispielsweise beim Sammeln von Beeren und Früchten erleichtert haben, farbige Früchte vom grünen Blattwerk zu unterscheiden.

In der Praxis lässt sich die Theorie von Tishkoff und Verrelli jedoch schwer überprüfen. Entsprechende Wahrnehmungsversuche müssten extrem umfangreich sein, weshalb es bislang kaum Untersuchungen gibt, die so sehr ins Detail gehen. "Genetische Variationen können sehr feine Effekte haben, die selbst mit dem präzisesten Equipment schwer zu messen sind", erklärt Verrelli.