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19.05.2010

Sonne macht weiß

Die Wäschebleiche im Freien nahm die in modernen Waschmitteln genutzten chemischen Reaktionen bereits vorweg

"Alte Bleiche", "Bleichäcker" oder "Unter der Bleiche": Es gibt kaum eine Stadt oder Gemeinde, in der es nicht mindestens einen Flurnamen gibt, der etwas mit Bleichen zu tun hat. Kein Wunder: Das Bleichen von Wäsche in der Sonne war bis weit ins 20. Jahrhundert hinein eine gebräuchliche Praxis, und oft wurden große Rasenflächen benötigt, um dort an sonnigen Tagen die Wäsche auszulegen. Die chemischen Reaktionen, die bei dieser sogenannten Rasenbleiche ablaufen, ähneln erstaunlicherweise den Vorgängen beim Einsatz moderner Waschmittel.

Foto: AndreasF., Photocase.com

Sonnenlicht greift direkt Farbstoffe in der Wäsche an und führt damit zum Ausbleichen. Foto: AndreasF., Photocase.com

Grafik: public domain

Bleichereien gab es bis vor wenigen Jahrzehnten in vielen Orten, wie hier in Wuppertal in einer Darstellung von 1789. Grafik: public domain

 

Die Rasen- oder Wiesenbleiche war eine mühevolle Angelegenheit: Die Wäschestücke wurden gleich nach dem Waschen unausgewrungen auf dem Gras ausgelegt, das wegen der Gefahr von Flecken nicht frisch gemäht, jedoch auch nicht zu hoch sein durfte. Die Wäschestücke mussten mit Gießkannen ständig feucht gehalten werden und durften keinesfalls austrocknen. Regelmäßig wurden die Wäschestücke außerdem umgedreht, bis die Wäsche den gewünschten Weißgrad erreicht hatte.

Am wichtigsten war bei dem ganzen Prozedere natürlich vor allem eines: das Licht der Sonne. Denn ohne die Sonneneinstrahlung, vor allem die harte, energiereiche UV-Strahlung, kommen die gewünschten photochemischen Vorgänge beim Bleichen nicht in Gang. Das Grundprinzip dabei zielt schlichtweg darauf ab, Farbstoffe im Gewebe zu zerstören: Die Energie der auftreffenden Photonen zerstört direkt Molekülstrukturen in den Farbstoffen. Bei diesen Farbstoffen handelt es sich natürlich vornehmlich um Schmutzpartikel, die sich auf der weißen Wäsche abgesetzt haben. Es können aber auch Stoffe sein, die auf die ursprüngliche Färbung des Gewebes zurückgehen: Leinenfasern beispielsweise enthalten Rest- und Abbaustoffe, die das Gewebe gelblich-braun aussehen lassen.

Das direkte Zerstörungswerk des Sonnenlichts macht jedoch nur einen Teil des Effekts bei der Rasenbleiche aus. Schneller und wirkungsvoller sind weitere chemische und photochemische Reaktionen: So bildet sich unter dem Einfluss des Sonnenlichts auf dem feuchten Stoff Wasserstoffperoxid, bekanntermaßen ein starkes Bleichmittel. Die aggressiven Sauerstoffverbindungen sind starke Oxidationsmittel und können so Farbstoffmolekülen den Garaus machen.

Genau diese Reaktion findet auch bei heutigen Waschmitteln statt: Sie enthalten als Bleichmittel häufig Natriumperborat, das in Wasser zu Wasserstoffperoxid und Natriumhydrogenborat zerfällt. Das Wasserstoffperoxid ist also auch beim Waschmittel chemisch aktiv. Da die zurückbleibenden Borverbindungen ökologisch nicht ganz unbedenklich sind, werden die Perborate heute zunehmend durch Percarbonate ersetzt – auch hier wirkt Sauerstoff als Zerstörer von Farbstoffen.

Doch zurück zur Bleiche auf dem Rasen: Gerade für die Herstellung von Leinen- und Wollstoffen waren im Lauf der Jahrhunderte Verfahren entwickelt worden, mit denen sich die oxidative Wirkung des Sonnenlichts verstärken und unterstützen ließ. So kamen unter anderem Asche oder saure Milch zum Einsatz. Dennoch konnte es bei Leinenstoffen wochenlang dauern, bis der gewünschte Weißegrad erreicht war. Das Wissen um die wirkungsvollsten Bleichmethoden war ein richtiges Handwerk, und bereits im späten Mittelalter gehörten die Bleicher einer eigenen Zunft an.

Schon im 19. Jahrhundert wurden übrigens auch Hilfsmittel eingesetzt, die den heute auf den Waschmittelverpackungen als "optische Aufheller" aufgeführten Zusatzstoffen entsprechen. Gängig war vor allem das sogenannte Waschblau: Es enthält das Pigment Ultramarin und verlieh der Wäsche einen leichten Blaustich. Da Blau die Komplementärfarbe zu Gelb ist, hebt dieser Farbstich den vergilbten Eindruck der Wäsche teilweise wieder auf. Obwohl das Mittel chemisch völlig wirkungslos ist, erscheint die Wäsche damit weißer als sie in Wirklichkeit ist. (ud)