12.07.2006

Stolz auf farbige Karos

Tartans: Wie die Muster von Wollstoffen für die Schotten zu einem Symbol für Familienzugehörigkeit und nationaler Einheit wurden

Zu den letzten noch lebendigen alten Traditionen in Europa gehört die Tracht der Schotten: die Wollstoffkleidung mit einem charakteristischen Karomuster, dem Tartan. Der Kilt, also der Schottenrock, ist nur ein Bestandteil dieser Bekleidung, wenngleich auch der bekannteste. Er ist ein aufwändig gefalteter Wickelrock, der in dieser Form nur von Männern getragen wird. Farblich können die Tartans in leuchtenden Tönen oder eher gedeckten Farben gehalten sein, sie können eher hell oder eher dunkel sein. Manche begnügen sich mit zwei Farben, in anderen sind drei oder vier Farben verwoben.

"Die Farben selbst haben traditionell keine Bedeutung", erläutert Alan Trivett von der Firma "House of Tartan", "man wählte unter den Farben, die zu haben waren. Erst in jüngster Zeit verbinden manche Leute mit den Farben Bedeutungen wie etwa Blau für Wasser oder Ähnliches." Für das Muster selbst gibt es im Prinzip zwei Typen, die symmetrischen Tartans und die asymmetrischen. Zählt man noch die einfachen Karomuster, die nur aus zwei Farben bestehen, hinzu, sind es drei Typen. Die symmetrischen unterscheiden sich von den asymmetrischen Tartans dadurch, dass sie in vier Richtungen identisch sind, nach Norden, Süden, Osten und Westen. Die Falten können entsprechend immer auf den gleichen Farben gebildet werden. "Gelesen" wird ein Muster im Prinzip von rechts nach links. Asymmetrischen Tartans fehlt diese Gleichheit in alle Richtungen. Ihr Muster wiederholt sich von rechts nach links über die Stoffbreite. Den Anfang macht hier jeweils die Farbe, deren Name im Alphabet am weitesten vorn steht.

 

Was den übrigen Europäern vielleicht nur pittoresk erscheinen mag, steht in engem Zusammenhang mit der schottischen Geschichte und Kultur. Das karge und unwirtliche Land der schottischen Highlands machte nur den genügsamen Schafen nichts aus. Darum gehörte Wolle zu den Dingen, die es im eigentlich armen Schottland zur Genüge gab. Zudem schützte Kleidung aus Wolle vor der rauen Witterung. Vermutlich haben ortsansässige Weber anfangs bestimmte Karomuster in die Stoffe gewebt – und jeder Weber tat es auf seine Art. "Es ist berechtigt anzunehmen, dass jede eng zusammengewachsene Gemeinschaft die Stoffe in Mengen tragen würde, die der ortsansässige Weber herstellte", schreibt der Historiker Blair Urquhart. So ist möglicherweise die regionale Unterschiedlichkeit der Tartans ursprünglich entstanden.

Das klassische Schottenkaro gibt es in verschiedenen Farben, die jedoch selbst keine symbolische Bedeutung haben.
Das klassische Schottenkaro gibt es in verschiedenen Farben, die jedoch selbst keine symbolische Bedeutung haben.

Nicht unwichtig auch für die Geschichte des Tartans ist die Nachbarschaft Englands zu Schottlands. Schon im Mittelalter, als es noch ein Königreich Schottland gab, ging es darum, sich von England möglichst abzugrenzen. Nach der Reformation in Europa im 16. Jahrhundert und der Begründung des Anglikanismus in England spielten auch Auseinandersetzungen um die Religion eine große Rolle in den Beziehungen der beiden Länder. In Schottland gewann durch den schottischen Theologen John Knox, der ein Schüler von Calvin war, der Presbyterianismus eine große Anhängerschaft. Diese Glaubensrichtung bekämpfte sehr heftig den Anglikanismus in England. In dieser Zeit, Mitte des 16. Jahrhunderts, kam die katholische Maria Stuart auf den schottischen Thron, was natürlich den Schotten, die katholisch geblieben waren, Auftrieb gab.

 

Vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, warum die Schotten sich immer wieder von England abzugrenzen versuchten. Aber auch untereinander gab es Spannungen und Feindschaften, da ja ein Teil von ihnen katholisch und ein anderer Teil presbyterianisch, also calvinistisch war. Das stützte das althergebrachte Clan-System. Vielleicht ist es kein Zufall, dass gerade im 16. Jahrhundert die Zuordnung der Tartans zu einzelnen Clans begann, die Tartans also nicht mehr einfach nur zu einer Region gehörten. 1739 gab es das erste offizielle Regiment mit einem Uniform-Tartan, nämlich das Black Watch Regiment. Der Tartan wurde zu mehr als zu einem Stück gewebten Karostoffs. Wer seinen Tartan trug, machte deutlich, dass er – es geht hier übrigens immer um die Gewandung von Männern – sich als Schotte, auch im politischen Sinne, verstand.

 

1746, kam es zwischen den katholischen Schotten einerseits und den Engländern und nicht-katholischen Schotten auf der anderen Seite zur Schlacht bei Culloden. Dies sollte die letzte Schlacht auf den britischen Inseln sein. Die Sieger waren die Engländer, die mit den besiegten Schotten auf so unbarmherzige Weise verfuhren, dass es auch jene Schotten empörte, die eigentlich eher auf englischer Seite standen.

Das bekannteste Kleidungsstück der schottischen Tradition ist der Kilt.
Das bekannteste Kleidungsstück der schottischen Tradition ist der Kilt.

Doch die Strafmaßnahmen gingen noch weiter. Als Folge der Schlacht bei Culloden wurde den Bewohnern der Highlands 1746 nicht nur das Tragen von Waffen verboten, sondern auch die schottische Kleidung, also der Tartan, und sogar der Dudelsack. Fast vierzig Jahre, bis 1782, blieb dieses Verbot bestehen und wurde schließlich nur deshalb aufgehoben, weil man in England befürchtete, dies könnte den Hass der Schotten auf die Engländer immer weiter schüren.

 

Inzwischen hatte William Wilson die erste Weberei-Manufaktur gegründet. Er hatte großes Interesse am Reproduzieren "vollkommen echter Muster", wie Urquhart ihn zitiert. Nach Aufhebung des Tartan-Verbots konnte Wilson etwa 200 Muster in seinen Musterbüchern aufzeichnen. Als die Highland Society of London, gegründet 1778, am 8. April 1815 alle Clan Chiefs aufforderte, der Gesellschaft ein Stück ihres Tartans zu schicken, begann die Registrierung offizieller Clan-Tartans. Der Tartan wird vom Oberhaupt eines Clans festgelegt. Mit dem Tragen eines Tartans wird sichtbar die Zugehörigkeit zu einem Clan ausgedrückt. Zugehörigkeit bedeutet nicht nur verwandtschaftliche Zugehörigkeit. Akzeptiert ist das Tragen eines bestimmten Tartans auch, wenn man adoptiert wurde oder wenn man den gleichen Namen trägt.