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12.10.2005

Stroop-Effekt: Wenn Druckfarbe und Bedeutung eines Worts miteinander in Konflikt geraten

Das verblüffende Phänomen gibt Psychologen seit Jahrzehnten Rätsel auf

Wer das Wort "grün" in roter Schrift liest, braucht länger zur Benennung der Druckfarbe, als jemand, der das Wort "grün" auch tatsächlich in grüner Farbe gedruckt vor sich sieht. Dieser Effekt ist vor allem von Spaß-Postkarten bekannt, doch Wahrnehmungspsychologen beschäftigt er bereits seit mehreren Jahrzehnten. Das Phänomen hat Auswirkungen bis hin zur Verkehrspsychologie und zur Farbgestaltung.

Erstmals ausführlich beschrieben hat das Phänomen 1935 der amerikanische Psychologe John Ridley Stroop. Er nannte es Farb-Wort-Interferenz, und es bedeutet Folgendes: Wenn sich die Druckfarbe des Wortes und dessen Bedeutung voneinander unterscheiden, also inkongruent sind, erfolgt das Benennen des Farbtons verzögert. Dieses wird auch als mühsam erlebt und ist sogar fehleranfällig. Das Lesen des Wortes dagegen bereitet trotz der Inkongruenz keine Probleme. Selbst wenn man die Reize getrennt voneinander darbietet, etwa wenn das Wort "grün" in normaler schwarzer Schrift und daneben ein roter Farbklecks gesetzt wird, erfolgt das Lesen immer noch schneller als die Benennung der Farbe – um etwa 100 bis 200 Millisekunden, wie Messungen ergeben haben.

 

Übrigens zeigt sich dieses Phänomen auch bei Dingen, denen eine Farbe ziemlich eindeutig zugeordnet werden kann, wie beispielsweise "Kohle" oder "Gras". Auch bei anderen inkongruenten Reizen funktioniert der Stroop-Effekt, etwa beim Hören: Wenn jemand das an eine Tafel geschriebene Wort "leise" laut ausspricht, ist ein Beobachter ebenfalls beim Lesen schneller als bei der Bezeichnung der Lautstärke.

 

Was sich beim Stroop-Effekt genau abspielt, ist nicht geklärt. "Es gibt auch keine einfache Erklärung", weiß Dirk Vorberg, Professor für Psychologie an der Technischen Universität Braunschweig. "Über die Komponenten, die eine Rolle spielen, ist man sich einig, aber nicht über ihre Gewichtung." Mit dem Zeitfaktor allein sei dem Stroop-Effekt nicht beizukommen, obwohl vieles darauf hinweise.

 

So weiß man beispielsweise, dass auf der Bedeutungsebene länger verarbeitet wird als auf der Klangebene. Soll man beispielsweise bei zwei gegebenen Farben benennen, ob sie jeweils eher "warm" oder eher "kalt" sind, dann dauert dies länger, als die Farbe zu benennen, obwohl in anderen Versuchsanordnungen die Benennung der Farbe länger dauert. Lesen aber lässt sich in dieses Muster nicht so einfach einpassen. Obwohl manche Reize schneller verarbeitet werden als Lesen, lässt sich Lesen fast nicht stören. "Wenn Sie zu jemandem sagen 'Lesen Sie dies nicht!' und zeigen dabei auf ein Wort, dann geht das gar nicht", sagt Vorberg. "Man liest es in dem Moment schon." 

 

Bereits die Betrachtung eines solchen Bildes wirkt auf den Betrachter eher unangenehm. Hat er doch sofort das Gefühl, dass da irgendetwas nicht stimmt.
Bereits die Betrachtung eines solchen Bildes wirkt auf den Betrachter eher unangenehm. Hat er doch sofort das Gefühl, dass da irgendetwas nicht stimmt.

Verschiedene Einzel-Vermutungen mussten schon verworfen werden. So nahm man an, dass der Stroop-Effekt auf die Geübtheit des Lesens zurückgehe. Es zeigte sich aber in Experimenten, dass der Stroop-Effekt selbst bei Kindern mit geringen Lesekenntnissen zu beobachten ist – allerdings natürlich nicht bei Analphabeten. Dann gab es die Vermutung, dass Wörter schneller identifizierbar seien als andere Reize. Hier konnte Paul Fraisse 1964 jedoch experimentell nachweisen, dass Bilder schneller erkannt werden als Wörter.

 

Seit seiner Entdeckung vor 70 Jahren – lässt man einmal die Studien beiseite, die den Stroop-Effekt bereits im 19. Jahrhundert erahnen ließen – hat der Stroop-Effekt zahllose Wissenschaftler beschäftigt. Zum einen möchten die Forscher herausbekommen, was es denn nun genau ausmacht, dass diese Interferenzen entstehen. Zum anderen hilft das Wissen über den Stroop-Effekt auch bei Aufgaben der Raumgestaltung. "Aufgrund der Erkenntnisse über den Stroop-Effekt weiß man, dass Bedeutung und Position miteinander in Konflikt geraten können", sagt Vorberg. "Wenn zum Beispiel ein Verkehrszeichen einen Linkspfeil abbildet, das Verkehrsschild selbst aber auf der rechten Straßenseite steht, dann irritiert das den Betrachter." Phänomene dieser Art heißen Eriksen- oder Simon-Effekt, gehen aber letztlich auf Stroop zurück.

 

Es hat auch Versuche gegeben, den Stroop-Effekt als Messinstrument für die Ablenkbarkeit eines Menschen, etwa bei Bewerbungen um eine Stelle, einzusetzen. Doch in diesem Bereich zeigt der Stroop-Effekt "enttäuschend stabile Ergebnisse", wie Vorberg es formuliert. Leistungsfähigere Mitarbeiter zeigen also ebenso deutlich den Stroop-Effekt wie weniger leistungsfähige.

 

Versuche, gegen den Stroop-Effekt anzutrainieren, sind wenig wirkungsvoll: Wer etwa 20.000 Mal Inkongruenzen im Bereich Farbbenennung versus Farbwort verarbeitet, verringert den Stroop-Effekt tatsächlich etwas. Der Effekt bleibt aber im Prinzip bestehen. Und was für den Trainierenden noch frustrierender sein muss: Er verringert sich nur in diesem einen Bereich. Wendet sich der Übende dann etwa einem auditiven Stroop-Effekt zu, kann er mit dem Üben von vorn beginnen.