01.02.2017

Unverwechselbares Blau

Indigo verleiht der Bluejeans ihre unnachahmliche Farbe.

Ob als Beinkleid, Wandstoff, Autobezug oder Sideboard – es gibt kaum einen Bereich, in dem Jeans-Stoff nicht zum Einsatz kommt. Jede Saison aufs Neue erfinden Modeschöpfer und Designer innovative Varianten und Einsatzgebiete für die ehemalige Arbeitshose. Doch ohne den Pflanzenfarbstoff Indigo wäre die Bluejeans unvorstellbar. Neben Purpur ist Indigo einer der ältesten Farbstoffe der Welt. Das überaus licht- und waschechte tiefe Blau wird schon seit Jahrtausenden aus verschiedenen, eher unscheinbaren Pflanzen gewonnen. Dazu bedarf es allerdings eines komplexen Herstellungsprozesses, in dem chemische Oxidation und Reduktion eine entscheidende Rolle spielen.

Indigo stammt von dem griechischen Wort "indikon" und bedeutet so viel wie blaue Farbe aus Indien. Der indische Indigo kommt hauptsächlich von der Pflanze Indigofera tinctoria, einem bis zu zwei Meter hohen Busch mit zierlichen weißen, rosafarbenen bis blassblauen Blüten. Zwar ist die Indigofera tinctoria die ergiebigste aller Indigopflanzen, insgesamt gibt es aber mehr als 700 Indigoarten. In Europa nutzten die Menschen dagegen lange Zeit den Färberwaid, um Textilien blau zu färben. Denn auch aus dieser Pflanze lässt sich Indigo gewinnen.

Bluejeans erhalten ihren charakteristischen Farbton aus einem uralten Pflanzenfarbstoff.


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Unverwechselbares Blau

Erste schriftliche Belege für aus Färberwaid gewonnenes Blau sind bereits in Julius Cäsars Gallischem Krieg zu finden. Dort berichtet der Imperator von britannischen Kriegern, die sich mit Waid blau färbten und darum in der Schlacht ganz besonders furchterregend aussahen. Doch die Geschichte des Indigos reicht noch viel weiter zurück: Mit Indigo gefärbte Leinengewebe aus den Höhlen von Qumran wurden auf 200 Jahre vor Christus datiert. Andere Funde belegen sogar, dass der Mensch schon seit dem dritten Jahrtausend vor Christus mit dem Pflanzenblau färbt. Wie die Menschen allerdings vor 5.000 Jahren auf die Idee kamen, dass sich aus der Pflanze ein haltbares Blau gewinnen lässt, und dazu noch den nicht gerade trivialen Herstellungsprozess entwickelt haben, bleibt ungewiss.

Denn einen blauen Eindruck machen nämlich weder Indigofera tinctoria noch der Waid. Kein Wunder, schließlich ist der Farbstoff auch gar nicht unmittelbar in ihnen enthalten. Aber in allen Blättern befindet sich eine Vorstufe von Indigo, das Indican. Um aus dieser Verbindung den blauen Indigo zu gewinnen, bedarf es einer komplexen Prozedur, die in Indien etwa folgendermaßen durchgeführt wurde: Die Pflanzenteile der Indigofera wurden zur Gärung in große im Boden eingelassene Becken mit weichem Wasser gegeben. Während der Gärung wandelte sich Indican in Indoxyl um. Nach etwa 15 Stunden ließ man die nun gelbliche Brühe in ein tiefer gelegenes Becken ab. Dort wurde die Flüssigkeit durch Schlagen und Rühren oder den Einsatz von Schaufelrädern gründlich umgewälzt, sodass ausreichend Sauerstoff hinzugefügt wurde.

Durch den Sauerstoff oxidierte das gelbe Indoxyl zum blauen Indigo. Da Indigo nicht wasserlöslich ist, setzte er sich am Boden ab. Nun musste er nur noch eingesammelt und getrocknet werden, bevor er zu Blöcken gepresst werden konnte. So fand der Indigo in praktischer Blockform seinen Weg nach Europa. Dort musste der Pflanzenfarbstoff allerdings zunächst wieder in seine reduzierte Form überführt werden, bevor er zum Färben von Stoffen verwendet werden konnte. Erst beim Trocknen an der Luft entfaltete das zunächst gelbliche Gewebe dann durch die erneute Oxidation seine blaue Pracht.

Doch von dem qualitativ äußerst hochwertigen Blau aus Indien waren nicht alle Europäer begeistert. Schließlich hielt hier schon seit Jahrhunderten der Färberwaid für das leuchtende Blau her. Der Herstellungsprozess des Waidblaus war auch nicht wenig kompliziert: Die Waidblätter wurden in einer Mühle zerstampft, auf einen Haufen geschichtet und zwei Wochen lang sich selbst überlassen. Nach dieser Gärzeit formten die Bauern kleine Bällchen. Diese so genannten Waidkugeln verkauften sie an die Waidhändler. Deren Knechte feuchteten die Waidkugeln mit Urin an, was eine erneute Gärung in Gang setzte.

Nach einer nochmaligen Lagerung von zwei Jahren wurde der vergärte Waid in Färbehäusern bei etwa 60 Grad Celsius mit Urin und Pottasche verrührt. Dann entstand schließlich nach drei Tagen die so genannte Küpe, in der Textilien gefärbt werden konnten. Auch hier zeigte sich das endgültige Blau erst nach dem Trocknen an der Luft.

Bis zum 13. Jahrhundert lebten ganze Landstriche vom Waidanbau, seiner Aufbereitung und dem Handel mit dem Blau. So war etwa die Stadt Erfurt für ihren Waid berühmt und konnte 1392 die erste deutsche Universität mit vier Fakultäten gründen – finanziert aus den Steuern aus Waidanbau und -handel. Doch mit der Entdeckung des Seewegs nach Indien durch Vasco da Gama kam im 16. Jahrhundert die Katastrophe für die Waidbauern: der indische Indigo. Bis dahin war dieser ein sündhaft teures Luxusgut. Doch nun führten holländische und portugiesische Händler und Seefahrer Indigo preiswert nach Europa ein. Waid ist bei weitem nicht so ergiebig und qualitativ hochwertig wie der indische Indigo. Und so war sein Schicksal bald besiegelt. Allen Widerständen der einheimischen Waidbauern und -händler zum Trotz setzte sich der indische Indigo im 17. Jahrhundert endgültig durch.

In historischen Zeiträumen bemessen währte sein Sieg allerdings nicht lange. Bereits etwa zwei Jahrhunderte später gelang dem deutschen Chemiker Adolf von Baeyer die erste künstliche Synthese des Blaus. Damit trat synthetisches Indigo auf den Plan. Die meisten Jeans dürften heute mit synthetischem Indigo gefärbt sein, denn der natürliche Indigo wird nur noch selten verwendet.