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10.09.2014

Vier Farben machen einen Menschen

Die antike und frühmittelalterliche Vier-Säfte-Lehre war viele Jahrhunderte lang die Grundlage der westlichen Medizin

Vier Säfte sind es, die den Menschen prägen: Die gelbe Galle, die schwarze Galle, das rote Blut und der weiße Schleim. Diese Ansicht verbreitete Mitte des 2. Jahrhunderts nach Christus der griechische Gelehrte Galenos von Pergamon. Die von ihm propagierte Vier-Säfte-Lehre erscheint heute absurd, doch mehr als tausend Jahre lang bildete sie eine wichtige Grundlage für die westliche Medizin und beeinflusste Gelehrte und Heilkundige wie Hildegard von Bingen.

Galenos von Pergamon lebte von etwa 130 bis 200 nach Christus und prägte wie kein anderer mehr als ein Jahrtausend lang die westliche Medizin. Repro: public domain
Galenos von Pergamon. Repro: public domain

Galenos von Pergamon ist nicht der eigentliche Schöpfer der Vier-Säfte-Lehre. Die Idee, der menschliche Organismus sei vom Zusammenspiel mehrerer Flüssigkeiten geprägt, geht bereits auf die Griechen zurück. Der legendäre Arzt und Gelehrte Hippokrates vertrat bereits um 400 vor Christus die Ansicht, dass vier Säfte mit jeweils vier Organen als Quelle dieser Flüssigkeiten die Gesundheit des Menschen bestimmen. Auch er sprach von der gelben und der schwarzen Galle, dem roten Blut und dem weißen Schleim.

Die Verbindung mit Farben entspricht der damaligen Denkweise, die ganz darauf ausgerichtet war, den Menschen, die Natur und die Welt als Einheit zu betrachten. So war auch die Lehre von den vier Elementen Luft, Feuer, Erde und Wasser verbreitet, die unmittelbar auch den menschlichen Körpersäften zuzuordnen waren. Das Blut entsprach damit der Luft, die gelbe Galle dem Feuer, die schwarze Galle der braun-schmutzigen Erde und der helle, weiße Schleim dem Wasser.

Aus Sicht der heutigen Medizin mag diese Aufteilung völlig abwegig klingen. Doch war sie bereits ein Fortschritt gegenüber dem Bild vom menschlichen Körper, das noch in der Antike vorherrschte: Demnach war der Mensch, was die Gesundheit seines Körpers angeht, dem Schalten und Walten der Götter schutzlos ausgeliefert. Nach der Vier-Säfte-Lehre jedoch waren Krankheiten die Folge einer gestörten Ordnung der Körperflüssigkeiten, und dem Heiler und Arzt kam die Aufgabe zu, dieses Gleichgewicht wiederherzustellen.

Der Aderlass war bis in 19. Jahrhundert hinein populär und entsprang der Vorstellung, das Blut zu reinigen und wieder ein Gleichgewicht der Körpersäfte herzustellen. Repro: public domain
Aderlass. Repro: public domain

Diesen Ansatz verfolgten Ärzte und Heilerinnen über viele Jahrhunderte hinweg. Prominentestes Beispiel ist Hildegard von Bingen, deren besonderes Augenmerk auch der Ernährung galt, die auf ein Gleichgewicht der Körpersäfte ausgerichtet zu sein hatte. Auch propagierte sie die Praxis des Aderlasses, mit dem krank machende Stoffe aus dem Körper transportiert werden sollten – eine Ansicht, die bis weit in 19. Jahrhundert hinein bei vielen Ärzten verbreitet war.  

In der Vier-Säfte-Lehre wurde dabei auch ein Zusammenhang zu dem Temperament des Patienten hergestellt: Der Sanguiniker, der rote "Blut-Typ", war heiter und voller Energie, der gelbe Choleriker neigte zu Jähzorn, der schwarze Melancholiker war unsicher und häufig niedergeschlagen und der weiße Phlegmatiker war träge und schwerfällig. Überdauert hat das Bild vom Zusammenhang zwischen Temperament und den Körperflüssigkeiten in der Redensart "Mir kommt die Galle hoch" oder "Gift und Galle spucken", die dem Choleriker zugeschrieben werden können.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist schon allein das Bild dieser Körpersäfte nicht zu halten: Rotes Blut und gelblich-grüner Gallensaft sind im Körper in der Tat zu finden, doch was die mittelalterlichen Heiler mit der schwarzen Galle gemeint haben, ist heute kaum mehr nachzuvollziehen. Verbreitet war die Ansicht, die schwarze Galle würde in der Milz und in den Hoden produziert, was natürlich ein Irrglaube war. Weißer Schleim ist im Körper zwar durchaus vorhanden, doch besitzt er nicht die fundamentale Bedeutung für die Gesundheit, die ihm die mittelalterlichen Heilkundigen zuschrieben.

Trotz dieser Ungereimtheiten: Die Vier-Säfte-Lehre kann als früher Ansatz einer ganzheitlichen Medizin gelten, und die von ihr propagierte Vorstellung von Körpersäften als zentrale Elemente des menschlichen Organismus fand sich in der modernen Wissenschaft in Form von Hormonen und anderen Botenstoffen wieder. (ud)