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01.09.2004

Vision einer ästhetischen Ordnung: Der Ostwaldsche Doppelkegel

Das Farbsystem Wilhelm Ostwalds will die Harmonie zwischen Farben in ein allgemeingültiges Gesetz fassen.

Mit seinem Doppelkegel schuf Wilhelm Ostwald Anfang des vergangenen Jahrhunderts ein vielbenutztes Farbsystem. Fasziniert von der Harmonie der Farben und deren mannigfaltiger Kombinationsmöglichkeiten baute er auf dieser Ordnung der Farben eine komplette Harmonielehre auf, in der er versuchte, das angenehme oder unangenehme Empfinden von Farbkombinationen in Gesetzmäßigkeiten zu fassen.

Eine der letzten Leidenschaften Ostwalds galt den Farben. Nachdem der Nobelpreisträger 1906 seinen Lehrstuhl für Physikochemie im Alter von 53 Jahren verhältnismäßig früh verlassen und sich als freier Forscher zurückgezogen hatte, widmete er sich seit 1914 dem Studium der Farben und der ästhetischen Urteile. Er war fasziniert davon, wie exakt ein subjektives, empfindungsgemäßes Urteil über eine Farbe ausfallen kann und entwickelte auf dieser Basis sein Farbsystem in Form eines Doppelkegels. Seine Farbenfibel veröffentlichte er 1916, der erste auf seinen Überlegungen basierende Farbatlas erschien im Jahr 1917.

Der Ostwaldsche Doppelkegel
Der Ostwaldsche Doppelkegel

Ostwalds Ziel war es, Farben in einem System zu ordnen, das von der Empfindung ausgeht. Trotzdem berücksichtigte er auch die physikalischen Gegebenheiten, die einer Farbempfindung zugrunde liegen. Ostwald baute seine Ordnung rein auf Körperfarben auf, wobei er den gesamten Körperfarbenraum farbmetrisch erfassen und in einer repräsentativen Auswahl von Farben darstellen wollte. Dazu verwendete er die drei Parameter Farbgehalt, Weißgehalt und Schwarzgehalt. Jede Pigmentfarbe lässt sich nach Ostwald mit diesen drei Werten charakterisieren.

Seinem System liegt ein Farbenkreis zugrunde, der aus 24 Farbtönen besteht. Diese idealisierten, voll gesättigten Farben nennt Ostwald Vollfarben. Die einzelnen Töne kennzeichnet er mit den Zahlen 1 bis 24. Aus diesem Farbenkreis erwächst der Doppelkegel nach oben und unten in Richtung Weiß und Schwarz. In der Mitte des Körpers befindet sich die Grauachse. Von jeder Vollfarbe aus ergeben sich gemeinsam mit Weiß und Schwarz Dreiecke, die alle Abwandlungen des jeweiligen Bunttons enthalten. Eine Buchstabenkombination gibt dabei die Anteile von Vollfarbe, Weiß und Schwarz an. Die gemeinsame Grauachse, auf der die Grautöne auf einer Skala aus acht Stufen angeordnet sind, verbindet dabei alle 24 Dreiecke. Insgesamt enthält die Standardversion des Ostwaldschen Doppelkegels 680 Farben (24 Grundfarben in je 28 Abstufungen plus 8 Grautöne).

Ordnung und Harmonie hingen für Ostwald unmittelbar zusammen. Die Harmonie der Farben lag ihm besonders am Herzen. Sie war stets das Hauptziel seiner Beschäftigung mit Farbe. Als er das erste bunttongleiche Dreieck aus 28 Gelbtönen betrachtete, fiel ihm die große Harmonie dieser Ton-in-Ton-Kombination auf. Danach versuchte er, die Ursache von Farbharmonien verstandesmäßig zu begreifen und kam zu dem Ergebnis, dass die richtige Ordnung der Farben der Grund für die Harmonie sein müsste. Einerseits standen die Farben an ihrem richtigen Platz, andererseits hatten sie jeweils den gleichen Abstand voneinander. Demnach mussten laut Ostwald bestimmte Gesetze Farbharmonien bestimmen. Seiner Ansicht nach bestand ein möglichst einfacher gesetzmäßiger Zusammenhang zwischen ihnen.

Diese Erkenntnis fasste er in seinem "Hauptsatz der Farbenharmonik" zusammen: "Harmonisch oder zusammengehörig erscheinen solche Farben, deren Eigenschaften in bestimmten einfachen Beziehungen stehen." Aufbauend auf diesem Hauptsatz und seinem Farbsystem entwickelte Ostwald seine überaus komplexe Harmonielehre.

Die Harmonielehre sieht er als den formalen Teil der Farbkunst an, der sich mit den Gesetzmäßigkeiten und Möglichkeiten der Kombination von Farben beschäftigt. Der Künstler dagegen sollte die beste Farbkombination im Hinblick auf die von ihm gewünschte Wirkung wählen und entsprechend anwenden. Mit seiner durchdachten Systematik wollte Ostwald Künstlern ein effektives Werkzeug in die Hand geben, mit dessen Hilfe sie systematisch immer neue Farbkombinationen finden konnten. Es lag ihm dabei fern, Künstler in ihrer Farbwahl einzuschränken, geschweige denn ihnen bestimmte Farbkombinationen für bestimmte Wirkungen vorzuschreiben. Sie sollten im Gegenteil mithilfe der Harmonielehre ihren Horizont und ihre Möglichkeiten erweitern, um völlig neue Kombinationsmöglichkeiten entdecken zu können.

Die Farbharmonien faszinierten Ostwald derart, dass ihm Vereine vorschwebten, in denen sich Menschen treffen und mit den mannigfaltigen Kombinationsmöglichkeiten von Farben beschäftigen, um immer wieder neue harmonische Farbzusammenstellungen zu finden – ähnlich wie sich Musikbegeisterte in einem Musikverein den Harmonien der Töne widmen. Diese Vision erfüllte sich allerdings bis heute nicht.