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26.04.2006

Vom bunten Waffenrock zum tristen Feldgrau

Warum in Europa noch vor dem Ersten Weltkrieg die Farbe aus den Uniformen verschwand

Knallrot-sattgrün, leuchtend blau und strahlend weiß, oder auch sonnengelb mit grün oder rot – so zogen die Soldaten früherer Jahrhunderte in die Schlachten. Und dann, kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs, war plötzlich Schluss mit der Farbenpracht und fast alle Soldaten in Europa wurden in Feldgrau oder Grüngrau gewandet. Der bunte Rock durfte bestenfalls noch als Ausgehuniform dienen. Da um 1900 die europäischen Staaten nicht wie heute in einem friedlich-freundlichen Miteinander lebten, hat es auch keine gesamteuropäische Konferenz zu einer neuen Uniformierung gegeben. Was also war geschehen, dass das Militär bereit war, die schmucken bunten Uniformen mit den blanken Knöpfen und glitzernden Schnüren abzulegen und sie gegen feldgraue einzutauschen? Die Antwort ist, dass sich die Waffentechnik am Ende des 19. Jahrhunderts so radikal veränderte, dass die Militärführungen sich vor die Wahl gestellt sahen, entweder im bunten Rock unterzugehen oder sich mit Feldgrau den neuen Gegebenheiten anzupassen und vielleicht in den neuen Schlachten zu siegen.

Grün, Rot, Weiß, Gold, Silber und Blau - in früheren Jahrhunderten waren Uniformen leuchtend bunt (Bild: Antoine Alphonse Montfort, 19. Jahrhundert)
Grün, Rot, Weiß, Gold, Silber und Blau - in früheren Jahrhunderten waren Uniformen leuchtend bunt (Bild: Antoine Alphonse Montfort, 19. Jahrhundert)

Bis ins 19. Jahrhundert hinein war die Farbenpracht der Soldatenbekleidung nicht nur nicht störend, sondern geradezu gewollt. Man brauchte nämlich ihre Signalwirkung. "Die Entscheidung fiel damals im Nahkampf. Darum war es wichtig, dass die Soldaten auch im Schlachtgetümmel noch erkennen konnten, wer zu den eigenen Leuten zählte und wer zu den Feinden gehörte", erläutert Oberstleutnant a. D. Klaus-Jörg Peters, der in Kassel ein Uniform-Museum gegründet hat. "Man kämpfte mit Handfeuerwaffen, die eine starke Rauchentwicklung hatten. Dadurch konnte die Lage schnell unübersichtlich werden. Zudem dauerte der Ladevorgang sehr lange. Deshalb standen die Soldaten in engen Reihen zusammen. Während die vorderen schossen, waren die hinteren am Laden."

 

Ganz neue Erfahrungen machten europäische Truppen, allen voran die Engländer, in den Kolonialkriegen. Es war nicht nur so, dass die Völker, die in Afrika oder Indien um ihre Freiheit kämpften, andere Waffen hatten als die in Europa üblichen. Auch das Klima war anders, sodass die europäischen Uniformen sich als untauglich erwiesen.

 

"Die tiefgreifendsten Änderungen wurden letztlich durch die Kolonialkriege des 19. Jahrhunderts angestoßen", erklärt Gerhard Bauer, Militärhistoriker vom Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden. Während der 'Indischen Meuterei' von 1857/58 legten in Indien eingesetzte britische Truppen erstmals leichte, schmucklos-erdbraune beziehungsweise ockerfarbene Khaki-Uniformen an, da die Kämpfe in der heißen Jahreszeit stattfanden. Gleichzeitig wurde diese provisorische Montur von einer indischen Eliteeinheit, die auf britischer Seite kämpfte, dem späteren Corps of Guides (North West Frontier Force) zur Uniform erkoren, berichtet Bauer.

Die aktuellen Feldanzüge der Bundeswehr sind hingegen grau oder oliv. Links der Anzug des Heeres, in der Mitte der der Luftwaffe und rechts die Kleidung der Marine (Bild: Anzugordnung für die Soldaten der Bundeswehr)
Die aktuellen Feldanzüge der Bundeswehr sind hingegen grau oder oliv. Links der Anzug des Heeres, in der Mitte der der Luftwaffe und rechts die Kleidung der Marine (Bild: Anzugordnung für die Soldaten der Bundeswehr)

Zögerlich, aber letztlich früher als die meisten anderen europäischen Kolonialmächte führten die Briten für europäische Regimenter im Überseeeinsatz bis zum Ende des 19. Jahrhunderts khakifarbenes "foreign service dress" ein. Um 1900 hatten alle europäischen Kolonialmächte ähnliche Uniformvorschriften für ihre Kolonialtruppen erlassen. Allerdings gab es dabei nach wie vor große Unterschiede zwischen den einzelnen Nationen. Die Regimenter der französischen Afrikaarmee blieben mehrheitlich bis 1914 bunt uniformiert. Einzig einige Einheiten der Fremdenlegion tauschten fallweise ihre blauen Mäntel gegen ockerfarbene oder weiße Monturen aus, so Bauer. Die deutschen so genannten Schutztruppen in Deutsch-Ostafrika und Deutsch-Südwestafrika legten sich ebenfalls braune und sandfarbene Uniformen zu. Später, als in Europa die neue Waffentechnik eine Abkehr vom bunten Rock notwendig machen sollte, wurden die überseeischen Khaki-Uniformen zu einem wichtigen Argument der Militärs gegenüber dem Kaiser.

 

Kaiser Wilhelm II. war im Drei-Kaiser-Jahr 1888 auf den Thron gekommen. Unter seiner Herrschaft wurde die deutsche Gesellschaft in bisher nicht gekanntem Maße militarisiert. Kein Berufsstand kam in seinem Ansehen an das des Offiziers heran. Selbst Forscher und Gelehrte waren eben doch "nur" Zivilisten. Die 1843 in Preußen eingeführte Uniform, ein blauer taschenloser Rock mit vielen blitzenden Knöpfen, wurde fast zu einem Heiligtum stilisiert.

 

Um 1880 kam jedoch aus einem ur-militärischen Bereich, der Waffentechnik, eine Erfindung, die das Ende des farbigen Uniformrocks bedeuten sollte: Das Maschinengewehr war entwickelt worden. Damit konnte nicht nur schneller, häufiger und weiter geschossen werden als mit den bisherigen Handfeuerwaffen, es wies auch eine sehr viel geringere Rauchentwicklung auf. Die alte Gefechtsordnung musste völlig neu überdacht werden. Nicht gesehen zu werden, wurde jetzt zum wichtigsten Gebot.

 

Farbenfrohe Uniformen waren nun das Letzte, was man gebrauchen konnte. "Wer in der Sonne glitzerte, war tot", bringt es Klaus-Jörg Peters auf den Punkt. Die militärische Führung sah dies auch schnell ein. Die Überbewertung alles Militärischen hatte in Deutschland natürlich auch dazu geführt, dass man der Entwicklung der Militärtechnik viel Aufmerksamkeit schenkte, so Peters. Veraltete Techniken wurden daher in Deutschland auch eher als in Frankreich aufgegeben. "Der Bajonettangriff etwa, an dem die Franzosen noch lange festhielten, wurde 1914 von den Deutschen kaum noch ausgeführt."

 

Im Jahr 1900 wurde ein Expeditionskorps zur Niederschlagung des so genannten Boxeraufstandes in China aufgestellt. Dieses erhielt eine völlig neu entwickelte Bekleidung und Ausrüstung. Sie "bestand für den Sommer aus einer Khakiuniform, die besonders für sandige Landstriche konzipiert war", schreibt der Militärhistoriker Jürgen Kraus. "Die Winteruniform wurde dagegen aus feldgrauem Tuch gefertigt, das sich auch für den heimatlichen Kriegsschauplatz eignen sollte. Alle Felduniformen wiesen einen vollkommen neuen, bequemen Schnitt im Stil weiter Blusen auf. Zur Ausrüstung gehörten außerdem mit Stoff bezogene Helme und ein Versuchsgepäck aus feldgrau gefärbtem Leder.

 

Sämtliche Teile hatte die Heeresverwaltung bewusst unter dem Aspekt ausgegeben, ihre Kriegstauglichkeit zu erproben, um sie später für eine neue Feldbekleidung der Armee übernehmen zu können." Einige Jahre später wurden in Deutschland beim Lehr-Infanteriebataillon Trageversuche mit Uniformen in verschiedenen Grautönen gemacht. Dabei fiel dann die endgültige Entscheidung für das Feldgrau.

 

Bevor aber die Herstellung feldgrauer Uniformen anlaufen konnte, gab es noch ein großes Problem zu lösen. "Stärkster Widerstand formierte sich nämlich in traditionalistischen Kreisen um den Kaiser, die auf einem unbedingten Festhalten der blauen Uniformfarbe bestanden", schreibt Kraus. Als aber die Trageversuche zum Abschluss gekommen waren, verfügte der Kaiser 1907 für das Heer die feldgraue und für Jäger und Schützen die graugrüne Farbe. Am längsten hatten sich die Kavalleristen, die meist aus dem Adel stammten, gegen das Feldgrau gewehrt. "Doch spätestens Ende 1914, Anfang 1915 war für alle Schluss mit dem bunten Rock", sagt Peters.