02.04.2014

Von Mönchskutten und altehrwürdigen Strippenziehern

Warum es seit vierhundert Jahren "graue Eminenzen" gibt

Sie gelten als wissend und erfahren, sie haben Macht und Einfluss, doch bleiben sie meistens im Verborgenen: Die Rede ist von Grauen Eminenzen – Männern und Frauen, die in Politik oder Wirtschaft im Hintergrund die Fäden ziehen. Die Bezeichnung hat nicht etwa einen längst vergessenen Ursprung in ferner Vergangenheit, sondern es ist sogar bekannt, wer die erste so bezeichnete Gestalt in der Geschichte war. Und um Missverständnissen gleich vorzubeugen: Die Redensart hat nichts mit der Haarfarbe ehrwürdiger Herren oder Damen zu tun. 

Ein Mann in unscheinbarer grauer Kutte wird allseits verehrt – so sah der französische Maler Jean-Léon Gérôme im Jahr 1873 Père Joseph. Repro: public domain.
Père Joseph, Repro: public domain

Père Joseph – Pater Joseph – so hieß der Mann, der im 17. Jahrhundert in Frankreich und darüber hinaus eifrig die Fäden zog und als erste graue Eminenz in der Geschichte gilt. Gourmets denken bei dem Namen allerdings nicht an geistliche Herren, sondern an einen international bekannten belgischen Schnittkäse gleichen Namens. Mit Käse jedoch hatte der besagte Pater nichts zu tun: Père Joseph war Kapuzinermönch, trug den klangvollen bürgerlichen Namen François-Joseph Le Clerc du Tremblay de Maffliers, lebte von 1577 bis 1638 und verkörperte genau das, was man sich noch heute unter einem Strippenzieher vorstellt.

Als Berater und Beichtvater des mächtigen französischen Kardinals Richelieu gewann er großen Einfluss auf die französische Politik. Er nutzte dabei unter anderem Informationen, die er mithilfe seiner über viele Länder verstreuten Ordensbrüder oder über gezielt installierte Informanten gewann. Als Mitglied der französischen Delegation auf dem Kurfürstentag des Jahres 1630 in Regensburg trieb der Pater im Verborgenen die Absetzung des Feldherrn Wallenstein voran – um nur ein Beispiel seiner konspirativen Arbeit zu nennen.

Doch warum ist der Pater als "graue Eminenz" in die Geschichte eingegangen? Die Antwort liegt ganz simpel in seiner grauen Kutte, die er als Kapuzinermönch trug.  Der Titel "Eminenz" war eigentlich den Kardinälen vorbehalten, und tatsächlich trug Kardinal Richelieu wegen seines roten Kardinalsgewands den Beinamen "rote Eminenz". Da lag es nahe, seinem engsten und in Grau gekleideten Vertrauten mit "graue Eminenz" zu betiteln. Wer den Pater jedoch erstmals so bezeichnete, ist allerdings ungewiss. Zu seinen Lebzeiten dürfte dies allerdings nicht mehr gewesen sein.

Père Joseph (1577 bis 1638) war Kapuzinermönch und zog als einflussreicher Berater des Kardinals Richelieu in Frankreich die Fäden. Repro: public domain
Père Joseph (1577 bis 1638)  Repro: public domain

Dennoch hat sich der Begriff etabliert und schließlich verselbstständigt. Bis heute gibt es immer wieder Männer  und Frauen, die mit diesem Beinamen versehen werden. Um nur drei Presse-Schlagzeilen und -Zitate aus allerjüngster Zeit zu nennen: "Die graue Eminenz der Ökos" ist Brigitte Behrens, die Deutschland-Chefin der Umweltorganisation Greenpeace, wie die Wochenzeitung "Die Zeit" schreibt. Als "die graue Eminenz des Nachtjournals" betitelt die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" den RTL-Moderator Heiner Bremer. Und schließlich berichtet die "Frankfurter Rundschau" über die "graue Eminenz des FC Bayern", Karl Hopfner, ehemaliger Finanzchef und künftiger neuer Präsident des Vereins.

Allen dreien gemein ist, dass sie in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt sind und ihr Wirken eher im Verborgenen stattgefunden hat. Dem Modeschöpfer Karl Lagerfeld dürfte es daher kaum vergönnt sein, ein typischer Vertreter dieser Spezies zu werden – auch wenn er es sich sehnlichst wünscht: "Ich möchte eine graue Eminenz werden!", gab er kürzlich in einem Interview mit einem österreichischen Onlinemagazin zum Besten. (ud)