19.03.2014

Von Zacken, geometrischen Ornamenten und mondäner Farbgebung

Der Art déco war eine Etappe auf dem verzweigten Weg zur klassischen Moderne

Es ist eine Stilrichtung, von der in Deutschland heute nur wenige Spuren geblieben sind: Der Art-déco-Stil der 1920er- und 1930er-Jahre ist kaum im Bewusstsein der Menschen verankert, obwohl es auch in Deutschland außergewöhnliche Gebäude aus dieser Epoche gibt. Der Art déco war eine Etappe auf einem von mehreren parallel verlaufenden Wegen, die vom Historismus und dem Jugendstil hin zur klassischen Moderne führten. Obwohl er sich durch den opulenten Einsatz von Farbe auszeichnete, ist er in seiner Gesamtheit viel schwerer zu fassen als andere Stilrichtungen – besitzt er doch keine universellen Stilelemente, die alle Künstler und Gestalter verwendeten.

Das Grassimuseum in Leipzig zeigt nicht nur Kunst aus der Art-déco-Epoche, es ist mit seinen Zickzack-Formen auch selbst ein Beispiel für Architektur aus dieser Zeit. Foto: Sailko, CC-Lizenz
Grassimuseum. Foto: Sailko, CC-Lizenz

Wie beim Jugendstil in Deutschland war auch beim Art déco eine Ausstellung das zentrale Ereignis der Bewegung: Unter dem Namen "Exposition Internationale des Arts Décoratifs" zeigten im Jahr 1925 mehrere Tausend Aussteller aus 18 Ländern in Pavillons auf einem riesigen Ausstellungsgelände in Paris ihre Arbeiten. Ein Ziel dieser Künstler – darunter viele, die zur internationalen Avantgarde zählten – war es, in ihren Entwürfen eine Verbindung herzustellen zwischen der Eleganz von Form, Material und Farbe. "Das Überflüssige ist das Notwendige", war bereits ein Leitsatz des französischen Jugendstils gewesen, der sich nun in neuer Interpretation in der Dekoration von Gegenständen der Inneneinrichtung, von Gebäuden und in der Mode wiederfand.

Der Hintergrund vieler Arbeiten war dabei eine unter anderem vom Jugendstil inspirierte Ornamentik mit Blumenmustern oder organischen Motiven, die nun jedoch völlig neu definiert wurde: Aus den verschlungenen Mustern wurden geometrische Formen, häufig mit geradlinigen, durch Zacken geprägte Strukturen. So entstanden Formen, die verspielt wirkten und sich doch durch eine plakative Eleganz auszeichneten.

Die Künstler, Architekten und Designer des Art déco wollten mondäne Räume schaffen und nutzten dafür exquisite Baustoffe und Farben – wie hier in einem Bürogebäude in den Niederlanden. Foto: Rob van Esch, Shutterstock.com
Treppe. Foto: Rob van Esch, Shutterstock.com

Neben den Formen kam auch der Farbe eine zentrale Rolle in der Gestaltung des Art déco zu: Das Bestreben vieler Art-déco-Designer, eine mondäne Lebenswelt zu schaffen, führte vielfach zum opulenten Einsatz von Farbe. Goldgelb, Ultramarin und Türkis, Weinrot und Lachsrosa waren typische Farben des Art déco. Künstler wie Henri Matisse, die in ihren Werken plakativ leuchtende Farben einsetzten, wurden auch für die Designer des Art déco zum Vorbild: So entstanden Gebäude und Einrichtungsgegenstände, die sich durch eine klare, selbstbewusste Farbgebung auszeichneten.

Unbefangen vereint wurden im Art déco zahlreiche Elemente früherer Epochen und unterschiedlichster lokaler Herkunft wie beispielsweise des Rokoko oder der Kunst aus der Zeit der ägyptischen Pharaonen. Einen ideologischen Überbau, der alle Künstler und Gestalter des Art déco verband, gab es dabei ebenso wenig wie ein umfassendes, einheitliches Stilelement. Das macht es für Kunsthistoriker heute oft schwierig, einzelne Arbeiten klar dem Art déco zuzuordnen.

In den USA war der Art déco sehr beliebt und prägte unter anderem die Architektur in Miami. Patricia Marroquin, Shutterstock.com
Art déco Miami, Foto: Patricia Marroquin, Shutterstock.com

Der Begriff "Art déco" als Ableitung aus dem Titel der Pariser Ausstellung des Jahres 1925 war übrigens in den 1920er- und 1930er-Jahren kaum bekannt: Populär wurde er erst Ende der 1960er-Jahre durch das Buch "Art déco of the 20s and 30s" des englischen Kunsthistorikers und Publizisten Bevis Hillier. Der Begriff fällt heute auch immer wieder, wenn Designer Elemente dieser Epoche aufgreifen.

War es beim Jugendstil der Erste Weltkrieg gewesen, der ihm ein jähes Ende bereitete, so bedeutete die Weltwirtschaftskrise und schließlich der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs das Ende des Art déco. Danach war nichts mehr so, wie es einmal war: In dem in den Nachkriegsjahren von Mangel geprägten Europa konnte der Art déco in seiner Üppigkeit nicht mehr Fuß fassen. Allenfalls in den USA fanden sich im Design auch nach dem Krieg noch Elemente des Art déco wieder, beispielsweise in der Gestaltung von Straßenkreuzern mit gewaltigen, flügelartigen Elementen. (ud)