10.11.2010

Von kalt und dunkel zu warm und flirrend

Der spanische Barockkünstler Bartolomé Murillo setzt mit duftiger Farbigkeit Akzente

Warme Rot- und Brauntöne dominieren das Bild, das drei Straßenjungen mit lieblichen Gesichtsausdrücken, geschickt in Licht und Schatten gehüllt, vor einem hellen dunstigen Hintergrund in ihr Spiel vertieft darstellt. Die Rede ist von den "Würfelspielern", ein Gemälde des bekannten spanischen Malers Bartolomé Estebán Murillo, der sich im 17. Jahrhundert neben Gemälden mit religiösen Themen in flirrender, diffuser Farbigkeit auch mit Genrebildern dieser Art einen Namen gemacht hat.

Die Darstellung der ‘Kinder beim Würfelspiel' gehört zu den typischen Genredarstellungen Murillos. Das zwischen 1665 und 1675 entstandene Werk hängt in der Alten Pinakothek in München. Repro: public domain
Kinder beim Würfelspiel, Repro: public domain

Murillo wird 1618 in Sevilla geboren, ist zunächst Schüler lokaler Meister und lebt dort, bis auf kurze Aufenthalte in Madrid und Cadíz, bis an sein Lebensende 1682. Seine Kunst ist vor allem von religiösen Themen, teilweise auch von weltlichen Inhalten über das Straßenleben und das einfache Volk geprägt. Auch biblische Motive stellt er in einer einfachen Umgebung dar und gibt ihnen dadurch eine alltägliche Note.

Der erste wichtige Auftrag Murillos ist der von 1645 bis 1648 entstandene Gemäldezyklus für den Kreuzgang des Klosters des Heiligen Franziskus in Sevilla. Seine Hauptauftraggeber sind Pfarreien, Klöster sowie Hospitäler und Bruderschaften seiner Heimatstadt. Auch für die dortige Kathedrale fertigt er zahlreiche Werke mit gegenreformatorischen Inhalten, wie Szenen aus der Kindheit Jesu und Marias. Darstellungen der unbefleckten Empfängnis Marias sowie Visionsbilder von Heiligen. Die ersten Genrebilder, in denen der Maler Jungen und Mädchen bei alltäglichen Arbeiten in den Gassen Sevillas darstellt, entstehen ebenfalls in dieser frühen Schaffensphase.

Während dieser Zeit kennzeichnet seinen Stil eine überwiegend dunkle, kühle und graue Farbgebung. Die Personen haben fast strenge, derbe Gesichtszüge. Die Figuren und Objekte erhalten präzise markierte Konturen und erscheinen auch durch starke Hell-Dunkel-Kontraste und durch gezielte Lichtführung von einer plastischen Härte. Insgesamt wirkt die Atmosphäre auf seinen frühen Gemälden düster und dunkel.

1658 unternimmt er eine zweijährige Reise nach Madrid, die ihn in seinem künftigen Malstil, insbesondere auch in seiner Farbwahl, sehr beeinflussen wird. Dort begegnet er am Hofe Philipps IV. dem berühmten Maler Diego Velázquez und hat die Gelegenheit, in der königlichen Sammlung zahlreiche Werke von Tizian und Rubens sowie anderer Flamen und Venezianer kennenzulernen. Diese Maler, die sich unter anderem auch durch die leuchtende Farbwahl und zum Teil durch eine fast impressionistische Malweise auszeichnen, beeinflussen Murillos Stil und erschließen ihm eigentlich erst die Welt der Farbe.

Die 1660er Jahre bilden die produktivste Schaffensperiode Murillos. In dieser Zeit entwickelt der Maler, auch als Folge der in Madrid gewonnenen Eindrücke, seine unter der Bezeichnung "estilo vaporoso" – der duftige Stil – bekannte Malweise. Diese Bilder kennzeichnen eine weiche Modellierung in sanfter Beleuchtung, verschwimmende Licht- und Schattenübergänge, eine betont räumliche Komposition und warmtonige Farbigkeit mit weichen, lockeren, fast verschwimmenden Konturen. Seine Markenzeichen sind vor allem die freundlichen Farben und weiche, "fühlbare" Haut seiner Figuren mit ihren lieblichen Gesichtszügen vor einem hellen dunstigen Hintergrund. Später ist auch der Kontrast zwischen dunklen, ernsten Farben im Vordergrund und helleren, leuchtenden Farbspielen im Hintergrund kennzeichnend.

Anhand erhaltener Zeichnungen und Ölskizzen lässt sich die Arbeitsweise Murillos sehr gut nachvollziehen: Er fertigt mehrere Vorstudien für ein Gemälde an, auf denen rote und schwarze Kreide- und Federzeichnungen die Komposition skizzieren. Der farblichen Gestaltung der großformatigen Bilder gehen ebenfalls kleinere Ölstudien voraus. Wie die meisten spanischen Maler im 17. Jahrhundert verwendet Murillo Leinwand als Malgrund. Er überzieht die vorgeleimte Leinwand mit einer gelbbraunen Ölgrundierung und trägt dann fette, pastose Farbschichten auf. Dabei wechselt der Pinselauftrag von rauer zu glatter Farboberfläche, und die verschiedenen dargestellten Stoffe erhalten so ihre individuelle Oberflächenbeschaffenheit.

In das Jahrzehnt 1660 bis 1670 fallen die drei bedeutendsten Aufträge Murillos: Für die Neuausstattung von Santa María la Blanca und der Kapuzinerkirche in Sevilla schafft er zahlreiche Gemälde. Ebenso führt er zusammen mit dem einheimischen Maler Valdés Leal den letzten bedeutenden Großauftrag Sevillas, die Ausstattung des Hospital de la Caridad, aus.

Zu Lebzeiten sind die Gemälde Murrilos sehr geschätzt und schmücken vor allem Kirchen, Klöster sowie Kathedralen in Spanien. Die Kunstkritik zu Beginn des 20. Jahrhundert steht ihm jedoch eher ablehnend gegenüber: Weder das Liebliche der Bilder und ihre Farbgebung noch die religiöse Thematik kommen dem ästhetischen Empfinden des modernen Betrachters entgegen. In den vergangenen Jahrzehnten korrigierten Kunsthistoriker diese negative Tendenz, und mittlerweile sind seine Bilder wieder sehr beliebt. (an)