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19.02.2014

Von weißen Mäusen und rosaroten Elefanten

Warum helle Nager und bunte Dickhäuter mit Halluzinationen in Verbindung gebracht werden

"Wenn du einen Schneck behauchst, schrumpft er ins Gehäuse. Wenn du ihn in Kognak tauchst, sieht er weiße Mäuse", reimte 1927 der Dichter Joachim Ringelnatz. Was hier noch als heiteres Symbol für die Verwirrungen steht, die ein Alkoholrausch mit sich bringen kann, hat einen ernsten Hintergrund: Halluzinationen sind ein typisches Symptom des sogenannten Delirium tremens, in das starke Alkoholiker während eines Entzugs geraten können. Doch warum sind es ausgerechnet weiße Mäuse, die ihnen in diesem Zustand angeblich begegnen?

Wer weiße Mäuse sieht, arbeitet heute meist in einem wissenschaftlichen Labor – oder er hat Sinnestäuschungen. Foto: Marques, Shutterstock.com
Weiße Maus, Foto: Marques,  Shutterstock.com

Die Wahrnehmung von Dingen, die eigentlich gar nicht da sind, wird durch einen Überschuss bestimmter Botenstoffe im Gehirn ausgelöst. Im berauschten Zustand hemmt der Alkohol die Wirkung dieser Stoffe – der Körper versucht daher, dies durch eine Überproduktion zu kompensieren. Fällt nun während des Entzugs die dämpfende Wirkung des Alkohols weg, können so Sinnestäuschungen entstehen, die in manchen Fällen geradezu dämonenhafte Formen annehmen können.

Im angloamerikanischen Sprachraum hat sich für diesen Zustand schon vor zweihundert Jahren der Begriff der "blue devils" etabliert – der Betroffene wird von "blauen Teufeln" heimgesucht. Woher hier die Farbe Blau kommt, lässt sich heute allerdings nicht mehr ergründen. Im Deutschen hingegen heißt es oft mehr oder minder scherzhaft, die Betroffenen sähen weiße Mäuse. Tatsächlich werden bei solchen alkoholbedingten Halluzinationen häufig Tiere wie Schlangen, Spinnen oder eben Mäuse wahrgenommen, oft begleitet von anderen Sinnestäuschungen wie das Gefühl, ein Krabbeln auf dem Arm zu verspüren.

Die "Weißen Mäuse" der Bonner Polizei fuhren zu wichtigen repräsentativen Anlässen auf – wie hier beim Besuch der Queen 1964 in Koblenz. Foto: Verkehrsdirektion Koblenz, CC-Lizenz
Polizeiexkorte, Foto: Verkehrsdirektion Koblenz, CC-Lizenz

Warum die Mäuse allerdings gerade weiß sein sollen, darüber lässt sich nur spekulieren. Da weiße Mäuse in der Natur ja extrem selten sind, soll dadurch vielleicht zum Ausdruck kommen, wie abwegig diese Wahrnehmungen sind und dass es sich somit ganz sicherlich um Halluzinationen handelt. Nicht umsonst heißt es im angloamerikanischen Sprachraum, ein wirr fantasierender Mensch sehe "pink elephants" – "rosa Elefanten", was ja noch weitaus abwegiger ist, als weiße Mäuse zu sehen.

Der Begriff "weiße Mäuse" hatte früher in Deutschland noch eine weitere Bedeutung: So wurden in den 1950er-Jahren liebevoll bis scherzhaft Verkehrspolizisten genannt, da Teile ihrer Uniform weiß waren und sie – zumindest bei der Autobahnpolizei – häufig weiß lackierte Autos fuhren. Spätestens durch die Ausstattung der Polizei mit blauen Uniformen ist diese einst weit verbreitete Bezeichnung allmählich in Vergessenheit geraten. Legendär waren die "Weißen Mäuse", die schon zu Konrad Adenauers Zeiten in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn stationiert waren: Die Motorradeskorte der Polizei hatte die Aufgabe, Staatsgäste oder ranghohe Politiker mit repräsentativem Charme sicher durchs Land zu begleiten. Wenigstens ihr Spitzname lebt bis heute fort – in Gestalt des Karnevalsvereins "Wiesse Müüs", der einst von Polizeibeamten gegründet wurde. (ud)

 

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