23.12.2009

Warum Maria Blau trägt

Die Muttergottes wird in der christlichen Kunst oft als Mittlerin zwischen Himmel und Erde dargestellt

In der Weihnachtszeit ist sie präsenter denn je: Maria, in einen Mantel gehüllt, sei es als Figur in einem Hirtenspiel oder auch als Muttergottes auf der Weihnachtskarte. Doch warum ist Maria immer sofort als Maria zu erkennen? Dies hängt nicht nur mit der Figurenkonstellation mit dem Christuskind zusammen, sondern auch an der Farbgebung ihrer Kleider: Fast immer trägt Maria blau.

Bereits die um 1448 entstandene Madonna im Rosenhag des Kölner Malers Stephan Lochner zeigt die Muttergottes in einem blauen Gewand. Repro: wikipedia.de, public domain
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Blau war schon immer eine schwer zu beschaffende und daher auch eine sehr wertvolle Farbe. In der Malerei verwendeten die Künstler für blaue Flächen verschiedene Pigmente, etwa Kobalt-, Ultramarin- oder Preußischblau. Das kostbarste unter ihnen ist das Ultramarinblau, das die Künstler aus dem seltenen und kostbaren Edelstein Lapislazuli gewannen. Seinen natürlichen Ursprung hat der Lapislazuli in Persien und im Hindukusch. Er legte also einen sehr langen Weg zurück, bis er auf der Palette eines europäischen Künstlers landete. Entsprechend hoch war auch sein Preis. Im Mörser zu Pulver zerrieben, konnten die Künstler ihn dann, mit einem Bindemittel verrührt, als Aquarell-, Tempera- und Ölfarbe benutzen. Das Pigment ist sehr beständig und somit ein Garant für ein haltbares Bild, sodass Herrscher und die Kirche bis ins 16. Jahrhundert sogar vertraglich festlegten, das hochwertige Ultramarin in Kunstwerken zu verwenden.

Die Kostbarkeit dieses Blautons mag ein Grund dafür sein, dass Künstler diese Farbe bei der Darstellung des Marienmantels einsetzten, auch um die Einzigartigkeit und Besonderheit der Muttergottes zu unterstreichen. Ein berühmtes Beispiel ist der Genter Altar der flämischen Maler Jan und Hubert van Eyck aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, auf dem Maria in einen prachtvollen blauen Mantel mit Edelsteinen derselben Farbe abgebildet ist. Dieser Mantel ist mit zwei Ultramarinschichten über einer Schicht Azurit gemalt.

Die Grundlagen für die Farbsymbolik in der christlichen Kunst finden sich jedoch im Alten und Neuen Testament: Die Farbe Blau oder auch der blaue Stein Saphir wird dort mit dem Himmel verbunden. Blau gilt in der christlichen Symbolik als die himmlische Farbe. Aber auch als Meeresfarbe werden unbegrenzte Ferne und Tiefe mit ihr assoziiert. Die Farbe Blau verknüpft Göttliches, Himmlisches und Irdisches. Sie ist Mittler des Menschen für die Gegenwart Gottes, sie wird zur Farbe des Glaubens und der Treue. Der Saphir galt für die Christen im Mittelalter als der Stein, der für die Kräfte des Himmels durchscheinend war.

Auch auf dem 1432 entstandene Genter Altar der Gebrüder Van Eyck trägt Maria blau. Repro: wikipedia.de, public domain
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Diese "Vermittlerfunktion" nimmt Maria als Himmelsgöttin in einen blauen Mantel gehüllt ein. Sie verbindet Himmel und Erde, Nähe und Ferne sowie das Göttliche mit dem Irdischen. Unter dem Mantel trägt Maria traditionell oft ein rotes Gewand. Diese Farbkombination von rotem Gewand und blauem Mantel blieb in der Kunst lange Zeit verbindlich.

Nicht nur Maria, sondern auch Christus trägt in Kunstwerken häufig ein blaues Gewand. In der Spätantike konnten weder Christus noch Maria eindeutige Farben zugeordnet werden. Erst seit dem Spätmittelalter begannen die Künstler, Christus in blauer Robe und Maria im blauen Mantel abzubilden. Zuvor verwendeten die Künstler seit der Antike wegen seiner besonderen Kostbarkeit Purpur. Neuerungen brachte erst die Malerei des Barock im 17. Jahrhundert, die Christus zum Teil in ein weißes Gewand hüllte und Blau durch Altrosa-Hellviolett ersetzte. Blau und Rot bewahrten sich jedoch als traditionelle Farben Marias.

Auch die expressionistischen Maler übernahmen zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Farbe Blau als eine Art Erkennungsmerkmal in religiösen Kunstwerken. In Emil Noldes Werk "Christus und die Kinder" trägt Christus den typischen blauen Mantel, der sofort ins Auge sticht. Die Figuren sind nur schemenhaft zu erkennen, die Hauptperson ist sogar nur von hinten zu sehen. Durch den blauen Mantel kann Christus aber eindeutig identifiziert werden.

In der christlichen Kunst gibt es zwar keinen allgemein gültigen Farbenkanon, aber einzelne Zuordnungen haben eine gewisse Gültigkeit erlangt – und dazu gehört auch die Darstellung Marias in einem blauen Mantel, ihrem Himmelsmantel. (an)