24.08.2005

Warum kleine Mädchen rosa und kleine Jungen hellblau tragen

Die Verbindung von Farbe und Geschlecht hat sich im Lauf der Geschichte einmal komplett umgedreht

Kleine Jungs tragen hellblau, Mädchen rosa: Diese Vorstellung hat es schon immer gegeben – so scheint es. Tatsächlich aber ist der Brauch, Mädchen rosa und Jungen hellblau zu kleiden, weder uralt, noch ist Rosa eine Mädchenfarbe und Hellblau eine Jungenfarbe. Eigentlich war es früher genau umgekehrt, und erst vor etwa 80 Jahren kam es zu einem gänzlich entgegengesetzten Verständnis von Farbe und Geschlecht.

Junge oder Mädchen? Vielen Babys sieht der Betrachter das Geschlecht zunächst einmal nicht an. Nicht zuletzt deshalb hat sich die Rosa als Mädchenfarbe und Blau als die Farbe für Jungen etabliert. Foto: Brillux
Junge oder Mädchen? Vielen Babys sieht der Betrachter das Geschlecht zunächst einmal nicht an. Nicht zuletzt deshalb hat sich die Rosa als Mädchenfarbe und Blau als die Farbe für Jungen etabliert. Foto: Brillux

Jahrhundertelang wurde zumindest in nichtadligen Schichten kaum Gewese um Baby- und Kleinkindkleidung gemacht. Sie musste zuallererst funktional dem Babykörper und seinen Bedürfnissen – oder was man für dessen Bedürfnisse hielt – angepasst sein. Babys wurden stramm in natürlich weiße Windeln gewickelt. Kleinkinder, Jungen wie Mädchen, steckte man jahrhundertelang in bodenlange Kleider, zeigt die Textil-Expertin Ruth Bleckwenn in ihrer Doktorarbeit zu den "Gesellschaftlichen Funktionen bürgerlicher Kinderkleidung in Deutschland zwischen 1770 und 1900."

Wie diese Bekleidung aussah, dokumentiert beispielsweise das Kinderbild "Master Hare" von Joshua Reynolds (Bild). Ohne den Bildtitel würde man heute das dargestellte Kind für ein Mädchen halten. Im 19. Jahrhundert, als allmählich das stramme Wickeln von Säuglingen aufgegeben wurde, war die Säuglingsbekleidung "das leichte, lockere Hemd, dessen Form wechselte und das leichte Jäckchen bzw. Röckchen ergänzen konnten", schreibt Bleckwenn.

Die Farbe dieser Hemdchen und Jäckchen war weiß, denn die Kleidung von Kleinstkindern musste ja relativ häufig gewaschen werden. Waschmaschinen gab es nicht, und so war jeder Waschvorgang eine anstrengende und Zeit raubende Prozedur. Erst ab ungefähr 1900 gab es überhaupt kochfeste Farben.

Auf dem Portrait der Familie George III. von 1770 sind die Söhne in Rot oder Blau gekleidet, die Töchter tragen dagegen helle Kleider.
Auf dem Portrait der Familie George III. von 1770 sind die Söhne in Rot oder Blau gekleidet, die Töchter tragen dagegen helle Kleider.

Gleichwohl gab es auch farbig gekleidete Babys und Kleinkinder, wie man von Gemälden alter Meister weiß. Diese Kinder sind in der Regel Kinder von Adligen oder von Königen. Und hier sind Jungen, vor allem die Erstgeborenen oder Kronprinzen, oft in Rot gekleidet. Das zeigt beispielsweise das Gemälde von Johan Zoffany, auf dem er die Familie von König Georg III. von England verewigt hat (Bild). Das berühmteste Kind des Abendlandes, das Jesuskind, wird in der Regel nackt gemalt, aber wenn es ein Kleidungsstück anhat, dann ist es kaum blau.

Blau dagegen ist die Marienfarbe. Auf den meisten alten Marienbildern wie etwa denen von Albrecht Dürer oder Stephan Lochner trägt Maria einen blauen Schleier oder ein blaues Kleid. "Noch zu Königin Viktorias Zeit wäre kein Betrachter auf die Idee gekommen, ein rosa gekleidetes Baby für ein Mädchen zu halten", erklärt die Psychologin Eva Heller in ihrem Buch "Wie Farben auf Gefühl und Verstand wirken". Sie weist nach, dass Blau im Wesentlichen eine weibliche Farbe war, während Rot jahrhundertelang als männliche Farbe galt.

Eva Heller weist auch darauf hin, dass der Familienname Rot(h) sehr häufig ist, während der Familienname Blau ausgesprochen selten ist. Tatsächlich finden sich etwa im Hamburger Telefonbuch über 230 Einträge für "Roth", über 1000 für "Schwar(t)z", aber nur ganze 15 für "Blau". "Grün" ist ebenfalls selten, aber immerhin heißen noch 35 Anschlussinhaber so. Die Seltenheit des Familiennamens "Blau" erklärt Heller eben damit, dass es von jeher als weibliche Farbe galt, Familiennamen aber über die männliche Linie weitergegeben wurden.

Auf die Verbindung der Farbe Rot und männlichen Eigenschaften weist auch hin, dass Rot einst eine der vorherrschenden Militärfarben war, als die Soldaten noch in farbenprächtigen Uniformen in den Krieg zogen. Die Truppen wollten für den Gegner deutlich sichtbar sein. Schließlich wollte man ihn mit der Größe des eigenen Heeres beeindrucken. Im Ersten Weltkrieg erhöhte sich die Reichweite der Geschosse, sodass es jetzt sinnvoll wurde, getarnt von einem geschützten Ort aus seine Waffe abzufeuern: Die Uniformen wurden grau. Nach dem Ersten Weltkrieg verschwand das bisher in der zivilen Männermode immer noch präsente Rot endgültig.

Jetzt drang ins Bewusstsein, dass Matrosen ja Blau trugen, ebenso die Arbeiter. Blau erschien zunehmend als eine männliche Farbe und hellblau (das kleine Blau) war entsprechend die Farbe für kleine Jungen. Doch diese Entwicklung ist, so Heller, kaum vor 1920 auszumachen. Um diese Zeit wurden auch erst die Strampelhosen erfunden. Inzwischen war auch die Waschmaschine erfunden und die Farben waren kochfest geworden. Dem Farbigwerden der Babykleidung im Bürgertum stand nichts mehr im Wege. Da wurden die Farben den Geschlechtern zugeordnet, wie man sie in jener Zeit – und bis heute – gerade empfand.