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08.06.2005

Warum manche Menschen zwischen Braun und Gelb keinen Unterschied machen

Farbkategorien sind sowohl angeboren als auch durch Sprache und Kultur geprägt

Rot ist Rot, und ob diese Farbe nun red, rouge, piros oder rot genannt wird, spielt eigentlich keine Rolle – oder doch? Für Psychologen und Linguisten ist genau diese Frage alles andere als einfach zu beantworten. Seit Jahren schon sind die Farbforscher bei dem Thema, ob und wie Farben und Sprache sich gegenseitig beeinflussen, in zwei Lager gespalten. Hauptstreitpunkt der Wissenschaftler: Prägt die Muttersprache, wie wir Farben wahrnehmen oder bildet sich umgekehrt die Sprache, um unsere bereits vorhandene Farbwahrnehmung zu beschreiben? Beide Thesen wurden bereits in einer ganzen Reihe von Studien untersucht – und für beide wurden sowohl Pro- als auch Kontra-Argumente gefunden.

Im kontinuierlichen Spektrum deutlich zu erkennen: die Farbkategorien Rot, Gelb, Grün, Blau und Violett
Im kontinuierlichen Spektrum deutlich zu erkennen: die Farbkategorien Rot, Gelb, Grün, Blau und Violett

Grundlage des Streits ist die Tatsache, dass Menschen Farben in Kategorien – die unterschiedlichen Farbtöne – einteilen, obwohl Farben rein physikalisch kontinuierlich ineinander übergehen. So sehen die meisten Menschen beispielsweise in einem Regenbogen keinen gleichmäßigen Farbübergang, sondern mehrere Farbabschnitte. Für die Gruppe der so genannten Universalisten hat das einen einfachen Grund: Die Farbkategorien sind ihrer Ansicht nach im Gehirn fest verdrahtet und daher für jeden Menschen gleich, egal, welche Sprache er spricht.

Die Relativisten halten es hingegen mit den amerikanischen Linguisten Edward Sapir und Benjamin Whorf: "Menschen sind auf Gedeih und Verderb der Sprache ausgeliefert, die in ihrer Gesellschaft das Ausdrucksmittel geworden ist". Mit anderen Worten: Die menschliche Wahrnehmung im Allgemeinen und die der Farben im Besonderen wird erst durch die Verwendung einer bestimmten Sprache geprägt.

Auf den ersten Blick scheint vieles für die Darstellung der Universalisten zu sprechen. So entstehen die sechs wichtigsten Grundfarben tatsächlich bereits in den Nervenzellen der Retina, wenn dort die Reize der drei Zapfentypen für Rot, Grün und Blau in die sechs zentralen Farben Schwarz, Weiß, Rot, Grün, Blau und Gelb umgewandelt werden. Diese Trennung in die unterschiedlichen Kategorien existiert bereits im Gehirn von Kleinkindern – und zwar lange, bevor sie sprechen lernen.

Bereits 1969 zeigten die beiden Amerikaner Brent Berlin und Paul Kay, dass sich diese feste Programmierung in sehr vielen Sprachen widerspiegelt. Dabei entstehen ihrer Ansicht nach die sprachlichen Farbkategorien nicht willkürlich, sondern um 11 so genannte Fokalpunkte herum – die sechs zentralen Farben und fünf weitere Farben, die aus einer Mischung dieser Farben entstehen. Bei diesen Grundfarben gibt es außerdem eine deutliche Hierarchie: In allen untersuchten Sprachen entwickelten sich zuerst die Kategorien Schwarz und Weiß, gefolgt von Rot. Dann kommen Grün und Gelb vor Blau. Es folgen Braun und die untergeordneten Kategorien Orange, Rosa, Purpur und Grau.

In einer in diesen Tagen erschienen Studie hat Kay diese Befunde noch deutlich erweitert und ergänzt. Der Wissenschaftler ließ je 24 Sprecher von insgesamt 110 Sprachen aus nicht-industrialisierten Ländern Farbkategorien in ihren Muttersprachen benennen. Außerdem bat er sie, für jede Kategorie die Farbe auszuwählen, die ihrer Ansicht nach am typischsten für diese Kategorie ist. Das Ergebnis: Die ausgewählten Farben konzentrierten sich nahezu alle dicht um die Fokalpunkte – nach Kays Ansicht ein schlagender Beweis dafür, dass Sprache tatsächlich die bereits im Gehirn vorhandene Wahrnehmung widerspiegelt.

Doch so einleuchtend diese Theorie auch klingt – einige Phänomene kann sie nicht erklären, halten die Relativisten dagegen. Ihr Lieblingsbeispiel ist ein Volk aus Papua-Neuguinea, die Berinmo. Deren Sprache kennt fünf verschiedene Farbwörter, die nicht mit den Farbkategorien westlicher Sprachen übereinstimmen: Es gibt einen Ausdruck für helle Farben, einen für dunkle, einen für rote Farbtöne, der aber auch Orange und Lilatöne umfasst und einen, der Farbtöne von Gelb über Braun und Oliv bis hin zum Grün beschreibt. Die letzte Bezeichnung schließlich wird sowohl für Blau als auch für Grün verwendet.

Wichtiger als die abweichenden Farbnamen ist für die Relativisten jedoch die Tatsache, dass die Berinmo die Farben tatsächlich anders wahrnehmen als zum Beispiel ein Brite. Das zeigt auch eine Studie eines britischen Forscherteams von der Universität Essex: Die Wissenschaftler zeigten den Berinmo eine Karte in einer bestimmten Farbe und baten sie anschließend, diese Farbe auf einer großen Farbtafel zu kennzeichnen.

Dabei machten die Probanden Fehler, die einem Deutschen oder einem Briten nie passieren würden, beispielsweise die Verwechslung von Gelb und Braun, die in der Berinmo-Sprache mit dem gleichen Wort bezeichnet werden. Andererseits hatten die Berinmo überhaupt keine Schwierigkeiten, verschiedene Grüntöne auseinanderzuhalten – wahrscheinlich deswegen, weil diese Farben in ihrer Sprache zu unterschiedlichen Kategorien gehören.

Wer hat nun Recht, die Universalisten oder die Relativisten? Die Wahrheit liegt wahrscheinlich zwischen den Extremen, glauben mittlerweile viele Psychologen und entwickeln ein Modell, das Elemente beider Theorien verbindet. Demnach ist die Grundlage der Farbwahrnehmung – und damit die Trennung der Farben in die sechs Grundkategorien – neurologisch vorgegeben und folgerichtig kulturunabhängig. Auch die Existenz der Fokalpunkte als Fix- und Mittelpunkte der Farbkategorien scheint eine universelle Grundlage der Farbwahrnehmung zu sein.

Zwischen diesen festgelegten Punkten gibt es jedoch Variationen, die durch die verschiedenen Farbwortsysteme der einzelnen Sprachen geprägt und vorgegeben werden. So können beispielsweise die Grenzen zwischen einzelnen Kategorien sehr stark variieren, und in manchen Sprachen umfasst eine Farbkategorie mehrere Kategorien einer anderen.

Die Farbwörter an sich sind demnach keine Etiketten, mit denen im Gehirn angelegte Begriffe versehen werden. Vielmehr entstehen sie, um Phänomene und Erscheinungen aus der Umwelt zu beschreiben, darunter Tag und Nacht, Feuer, Sonne, Pflanzen, Himmel und Erdboden – interessanterweise Erscheinungen, deren Farben in etwa denen der Grundkategorien entsprechen.

Und auch für die Vielfältigkeit von Sprachwörtern, sowohl innerhalb einer Sprache als auch beim Vergleich verschiedener Sprachen, haben Wissenschaftler eine Erklärung: Weder die Farben der Umgebung noch deren neurologische Verarbeitung basieren auf einer einzelnen Wellenlänge. Vielmehr entsprechen sie einem größeren Abschnitt des Spektrums – und das lässt viel Raum für unterschiedliche Interpretationen.


Weitere Informationen:
Kurzfassung der Studie von Paul Kay