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28.06.2006

Weiß, die bedeutungsschwere "Nichtfarbe"

Obwohl von Impressionisten geschmäht, hat Weiß in vielen Kulturen eine starke symbolische Kraft

Ein weißer Fleck auf der Landkarte ist unbekanntes Terrain. Es können sich Inseln und Ozeane dahinter verbergen, doch solange das Gebiet nicht erforscht ist, bleibt es ein weißer Fleck – weiß wie ein unbeschriebenes Blatt Papier, das noch alle Möglichkeiten birgt, weiß auch wie die Unschuld. Doch warum ist der Fleck auf der Landkarte weiß und nicht schwarz oder rot? Welche Bedeutungen und Assoziationen machen die Farbe Weiß so geeignet für unentdeckte Länder und Meere?

Weiß als Hochzeitsfarbe hat in Europa erst eine kurze Tradition: Populär wurde die Farbe erst um 1840 mit der Hochzeit der englischen Königin Victoria.
Weiß als Hochzeitsfarbe hat in Europa erst eine kurze Tradition: Populär wurde die Farbe erst um 1840 mit der Hochzeit der englischen Königin Victoria.

Im Gegensatz zu Schwarz, der völligen Abwesenheit von Farbe, ist Weiß die Summe aller Farben des Lichts. Es verkörpert also physikalisch gesehen nicht das Nichts, sondern Alles. Von allen Farben des Regenbogens enthält Weiß ein Quäntchen, es birgt die Möglichkeit aller Farben. Der Eindruck von Farbe entsteht, wenn Teile des weißen Lichts absorbiert und andere zum Betrachter zurückgeworfen werden. Dennoch galt Weiß bei den Impressionisten, die sich intensiv mit der Wirkung von Licht beschäftigten, als "Nichtfarbe".

 

Diese Auffassung findet sich auch im Sprachgebrauch wieder: "Weiß wie die Wand" oder "kreideweiß" ist, wer kurz vor der Ohnmacht steht oder Lampenfieber hat. In diesem Zusammenhang steht Weiß für die Abwesenheit aller gesunden Gesichtsfarbe, die sich beispielsweise in roten Wangen äußern würde. Auch hat Weiß, gemischt mit anderen Farben, eine bleichende Wirkung; es nimmt den bunten Farben den Knalleffekt. Trotz seiner unbunten Eigenschaften hat Weiß dennoch seinen Platz im menschlichen Farbempfinden. Der Mensch verbindet mit Weiß eine Reihe von Eigenschaften, Assoziationen und Emotionen, die er keiner anderen Farbe zuordnet.

 

In fast allen Zusammenhängen hat Weiß eine positive Bedeutung. Erleuchtung, Reinheit, Unschuld und Einfachheit sind nur einige Beispiele für solche positiven Assoziationen, und schlagen sich in zahlreichen Bräuchen, Traditionen und auch dem ein oder anderen Missverständnis nieder.

In der hinduistischen Kultur ist Weiß die Farbe der Reinheit. Saraswati, die Göttin der Weisheit, trägt Weiß.
In der hinduistischen Kultur ist Weiß die Farbe der Reinheit. Saraswati, die Göttin der Weisheit, trägt Weiß.

Weiß ist traditionell die Farbe der Götter. Im Hinduismus sind weiße Rinder heilig, in Thailand sind es die weißen Elefanten. Zeus erschien Europa als weißer Stier, und Christus ist das weiße Lamm Gottes. Die Farbe der Erleuchtung machte sich auch als die Farbe des Priestergewands breit – Priester indischer und japanischer Religionen sind ganz in weiß gekleidet, und der katholische Priester trägt unter seinem Talar ein weißes Untergewand, die sogenannte Alba. An den wichtigsten kirchlichen Feiertagen, wie beispielsweise an Ostern, ist auch das Obergewand weiß, denn Weiß ist die liturgische Farbe der höchsten Festtage. Doch keine Regel ist ohne Ausnahme: Der Papst darf auch außerhalb der festgesetzten Feiertage Weiß tragen, denn Weiß ist seine Rangfarbe.

 

Im Hinduismus gilt Weiß als die Farbe der Reinheit, des Friedens und der Weisheit. Priester des Hinduismus bedecken sich mit weißer Asche, um die spirituelle Wiedergeburt zu symbolisieren, und Saraswati, die Göttin der Weisheit, des Intellekts und der Künste, sitzt in ein weißes Gewand gekleidet auf einer weißen Lotusblüte. Sie gilt außerdem als die Verkörperung von Reinheit, und ihr Reittier ist der Schwan, der im Hinduismus ein Symbol für Transzendenz und Perfektion ist.

 

Das Weiß der Reinheit ist auch die Farbe der Trauer im Hinduismus. Sowohl die Geburt als auch der Tod sind nach dem Verständnis der Hindus "rituell unrein", und eine 12-tägige Trauerzeit ist nach einem Todesfall einzuhalten. In dieser Trauerperiode tragen Verwandte des Verstorbenen Weiß. Hinterlässt der Verstorbene eine Witwe, so trägt diese traditionell für den Rest ihres Lebens Weiß. Dieser Brauch ist inzwischen sehr umstritten, vor allem weil die Bevormundung nicht bei der Farbe der Kleidung aufhört, doch wird er vielerorts noch immer praktiziert. Auch sehen nicht alle in der weißen Kleidung der Witwe eine Form der Unterdrückung, sondern sie wird auch als Symbol der Berufung zu einem religiösen Leben gesehen, ähnlich wie sie im christlichen Glauben in der Nonnentracht Ausdruck findet.

 

Nicht nur in Indien, sondern in weiten Teilen Asiens gilt Weiß als Trauerfarbe. Japaner beispielsweise verbinden Weiß, vor allem die weiße Nelke, nach wie vor mit Trauer und Tod, obwohl sie inzwischen oft blaue Kleidung zu Beerdigungen tragen. Auch in Europa war Weiß lange Zeit als Trauerfarbe verbreitet, vor allem im Mittelalter. In vielen Gegenden trugen Frauen zur Trauer große weiße Tücher, die den Oberkörper und Kopf bedeckten. Die Tradition überlebte in Spanien bis ins 15. Jahrhundert und wurde auch später noch von Königinnen und Fürstinnen beibehalten, die ganz in Weiß trauerten – unter anderem, um sich vom gewöhnlichen Volk abzusetzen.

Heutzutage ist Weiß in Europa in erster Linie die Farbe des Hochzeitskleids, und viele Menschen assoziieren die Heirat in Weiß nach wie vor mit Jungfräulichkeit und Unschuld. Doch ist die Tradition, in Weiß zu heiraten, noch jung – die erste Braut in Weiß war Königin Victoria, die im Jahre 1840 den Prinzen Albert von Sachsen-Gotha heiratete. Ihr Brautkleid machte Furore, und viele weiße Bräute folgten ihrem Beispiel.

 

Die Kleiderfarbe Weiß war bereits nach der Französischen Revolution im späten 18. Jahrhundert in Mode gekommen. In Anlehnung an die alten Griechen trugen modebewusste Damen in ganz Europa Weiß, und auch die Architekten des frühen 19. Jahrhunderts versuchten, die Antike wieder auferstehen zu lassen. Das Bürgertum idealisierte das antike Griechenland als die vollendete Demokratie, und in der Nachahmung des griechischen Stils wurde alles weiß. Was die Gelehrten damals noch nicht wussten: Die alten griechischen Tempel und Statuen waren ursprünglich sehr farbenfroh – das vollkommene Weiß, nach dem das Europa des 19. Jahrhunderts trachtete, waren die Ruinen der Antike, von denen die Farbe abgeblättert war.

 

Weiß gilt auch heute noch als die Farbe der Einfachheit, Klarheit und schlichten Eleganz. Der mp3-Player iPod beispielsweise, der Leichtigkeit der Bedienung mit Eleganz verknüpfen soll, kam zuerst in Weiß auf den Markt. Auch Diätprodukte und "leichte Snacks" wie die Milchschnitte nutzen die Leichtigkeit der Farbe Weiß für Werbezwecke.

 

Weiß als die Farbe der Leere und des Nichts lässt Raum für Kreativität. Es ist die Farbe des Neuanfangs – die weiße Leinwand des Malers birgt die Möglichkeit eines Meisterwerks sowie eines Schandflecks; sie kann einschüchtern oder anregen, je nach der geistigen Verfassung des Malers. So ist auch der weiße Fleck auf der Landkarte dem Abenteuerlustigen eine Verlockung, dem Ängstlichen aber eine Gefahrenzone.