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04.03.2015

Weiß-gold oder blau-schwarz?

Warum Millionen Menschen derzeit über die Farbe eines Kleides diskutieren

Eine absurd unwichtige Frage beschäftigt derzeit Hunderttausende Menschen auf der Welt: Welche Farbe hat das Kleid, das eine völlig unbekannte Frau aus Schottland vor einigen Wochen bei einer Hochzeit getragen hat? Ist es nun weiß-gold oder blau-schwarz? Die Masse der Betrachter ist in zwei Teile gespalten, eine wahrhaftige Antwort gibt es nicht – jedenfalls nicht, wenn man nur das Foto kennt, auf dem die Diskussion beruht.

Vor einem dunklen Hintergrund betrachtet, sieht das Kleid für alle Betrachter unstrittig weiß-gold aus. Doch beim unscharfen und überbelichteten Originalbild springen die Farben für manche auf einmal auf blau-schwarz um: Bitte klicken Sie dazu auf diesen Link. Fotomontage: Karl Gegenfurtner
Kleid. Foto: Screenshot Tumblr

Den Stein ins Rollen brachte eine junge Frau namens Caitlin McNeill. Sie lebt auf den Äußeren Hebriden, der nordwestlichsten Inselgruppe Schottlands, und spielt in einer Folkband namens Canach. Die Band sollte auf einer Hochzeit auftreten, doch zuvor entbrannte zwischen den Musikern die Diskussion nach der Farbe des Kleids auf einem Foto, das Caitlin McNeill auf ihrem Handy hatte. Das Bild hatte die Musikerin vor der Hochzeit von der Mutter der Braut bekommen. Sie war sich wohl unsicher gewesen, was ihre Garderobe anging.

McNaill veröffentlichte das überbelichtete und unscharfe Foto über den Nachrichtendienst Tumblr – nicht ahnend, welche Lawine von Diskussionen sie damit auslöste. An vielen Orten in der Welt starrten nun Hunderttausende in ihre Computerbildschirme und auf ihre Smartphones und diskutierten zwei Fragen. Erstens: War das Kleid nun weiß-gold oder blau-schwarz? Und zweitens: Warum sehen manche Menschen das Kleid in der einen, manche jedoch in der anderen Farbkombination?

Auch zahlreiche Prominente, darunter der Teeniestar Justin Bieber, die Sängerin Taylor Swift und angeblich auch der Premierminister von Singapur taten dazu ihre Meinung kund. Schließlich sahen sich auch Wahrnehmungspsychologen bemüßigt, den Fall zu beurteilen, darunter auch die Justus-Liebig-Universität Gießen, deren Presseabteilung vor dem Wochenende noch in aller Eile eine Mitteilung zum Thema herausgab.

Darin wird erklärt, was den Unterschied in der Wahrnehmung auslöst: Es handelt sich um den bekannten Effekt, dass die Farbwahrnehmung immer im Kontext der Umgebung und deren Beleuchtung stattfindet. Schnee erscheint immer rein weiß, egal ob an einem sonnigen Wintermittag, bei einem rot leuchtenden Sonnenuntergang oder bei trübem Wetter. Auch bei dem Bild des Kleides versucht das Gehirn eine Art Kalibrierung der Farben. Doch wie der – auf dem schlechten Foto kaum zu erkennende – Hintergrund und die Beleuchtung des Kleides zu beurteilen sind, das ist unklar.

Genau hier scheiden sich die Geister, wie Karl Gegenfurtner, Professor für Wahrnehmungspsychologie aus Gießen erläutert: "Das Hirn der 'Blau-Seher' kalkuliert die offensichtliche Überbelichtung – erkennbar am Bildhintergrund – mit ein. Für die anderen erscheint das Kleid weiß, weil die Beleuchtung massiv ins Gelbe verschoben ist." Offensichtlich funktioniert also die Farbkorrektur des Gehirns bei vielen Menschen unterschiedlich. Bei einem dunklen Hintergrund ist der Fall klar: Hier erscheint das Kleid für alle Menschen weiß-gold, wie Gegenfurtner in eine Fotomontage gezeigt hat.

Bleibt noch die Frage, wer Recht hat. Unter normalen Verhältnissen betrachtet, sieht das Kleid tatsächlich blau-schwarz aus. Das sagt Caitlin McNeill, die das Kleid auf der Hochzeit tatsächlich gesehen hat. (ud)