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05.02.2014

Weiße Stadt am Mittelmeer

Wie in Tel Aviv rund 4.000 vom Bauhaus geprägte Häuser entstanden

Bauhaus-Architektur: Bei diesem Begriff tauchen vor dem geistigen Auge Städte wie Dessau und Weimar auf, nicht jedoch weiße Häuser, die in palmenbewachsenen Gärten in der Nähe des Mittelmeers stehen. Doch die größte Vielfalt von Gebäuden, deren Planer vom Bauhaus inspiriert wurden, gibt es genau dort, nämlich in Tel Aviv: die "Weiße Stadt" – ein mehr als 4.000 Gebäude umfassendes Viertel, in dem jüdische Emigranten zwischen 1933 und 1948 zentrale Gedanken des Bauhauses umgesetzt haben.

Auskragende Balkone und zusätzliche Vorsprünge sollen die Gebäude möglichst vor der Hitze schützen. Foto: Sambach, CC-Lizenz
Tel Aviv. Foto: Sambach, CC-Lizenz

Der politische Hintergrund des Bauhaus-Booms am Mittelmeer liegt in den Rassengesetzen im nationalsozialistischen Deutschland. Sie erlaubten es jüdischstämmigen Architekten nicht mehr, in Deutschland zu arbeiten. Viele verließen das Land, manche in Richtung des heutigen Israel – darunter Gestalter, die noch am Bauhaus studiert hatten oder das Gedankengut dieser Bewegung in sich aufgesogen hatten.

In der damals rasant wachsenden Metropole Tel Aviv gestalteten sie nun Gebäude, die ganz nach den Bauhaus-Prinzipien an das lokale Klima und an die besonderen Anforderungen ihrer Bewohner angepasst waren: Die Häuser stehen frei in den sie umgebenden Gärten, viele von ihnen auf Pfeilern, damit der Meereswind freie Bahn hatte und sie kühl halten kann. Die Balkone ragen weit heraus und sorgen so für Schatten – manche von ihnen sind mit Belüftungsschlitzen oder mit zusätzlichen Schatten spendenden Vorsprüngen versehen. Die Dächer sind flach, damit sie abends, wenn es kühler wird, zum Treffpunkt von Familien und Nachbarn werden können.

Im Gegensatz zu den in Deutschland häufig gewählten großen Fensterflächen sind die Fenster hier eher klein oder haben die Anmutung von Bullaugen, vielleicht als Anspielung auf das nahe Meer. Die Formensprache ist – auch das bauhauskonform – oft minimalistisch, zumindest aber schlicht und nüchtern. Und die Außenfarbe der Gebäude ist weiß bis hellbeige, was nicht nur dem gängigsten Gebäudefarbton in der vom Bauhaus geprägten Architektur, sondern auch den lokalen Gepflogenheiten entspricht.

Nur wenige Häuser sind in gutem, frisch renovierten Zustand. Foto: Deror Avi, CC-Lizenz
Tel Aviv. Foto: Deror Avi, CC-Lizenz

Zugute kam den Architekten bei ihren Entwürfen die Offenheit der sich rasch wandelnden Gesellschaft in der Stadt am Mittelmeer. "Die Sanddünen, auf denen die Zionisten ihre erste 'hebräische Stadt' aus dem Boden stampften, wurden für sie zu einem Reißbrett, auf dem sie ihre revolutionären Ideen fast ohne Einschränkungen ausprobieren konnten", schreibt der Journalist Gil Yaron in einem Bericht der Heinrich-Böll-Stiftung. Während man im Westen noch den Ballast der Vergangenheit mit sich herumschleppte, fand dort "ein schäumender Prozess statt, ohne Traditionen oder Gesetzgebung", zitiert Yaron den Architekten Joseph Neufeld, einen Emigranten aus Berlin.
Die Einwanderer aus Mitteleuropa brachten jedoch nicht nur Wissen mit, sondern auch Baumaterial: Da es Juden bei der Auswanderung aus Deutschland nicht erlaubt war, Bargeld in nennenswerten Mengen mitzunehmen, schifften manche von ihnen ihr Vermögen auch in Form von Baustoffen aus. So kommt es, dass in vielen Gebäuden bis heute Fliesen, Glas oder sogar Teile der Wasser- und Elektroinstallation aus deutscher Vorkriegsproduktion stammen.

Die feuchte Meeresluft, das Salz, die Hitze, Autoabgase: Der Verfall hat über die Jahrzehnte auch vor der "Weißen Stadt" nicht Halt gemacht. Viele der Gebäude sind heute in einem bedenklichen Zustand, und das einstige Weiß hat sich vielfach in ein schmutziges Braun verwandelt. Manche Häuser gelten sogar als akut einsturzgefährdet – in einem Erdbebengebiet eine besonders kritische Perspektive.

In der "Weißen Stadt" konnten Architekten ohne große Widerstände auch innovative Ideen umsetzen. Das Bild aus den 1940er-Jahren zeigt den Dizengoff-Platz, der mittlerweile längst ein anderes Gesicht erhalten hat. Foto: public domain
Dizengoff-Platz, Foto: public domain

Einen Denkmalschutz mit Förderzuschüssen oder Steuerermäßigungen wie in Deutschland gibt es nicht. So behilft man sich in Tel Aviv mit pragmatischen Lösungen, um möglichst viel von der Substanz des Viertels – immerhin 2003 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt – zu erhalten: Wer ein erhaltenswertes Originalgebäude saniert, darf um bis zu zweieinhalb Stockwerke aufstocken. Die neuen Stockwerke werden dabei häufig nach hinten versetzt, um das Straßenbild nicht zu verengen. Für die Hausbesitzer in der unter Wohnungsknappheit und explodierenden Mieten leidenden Stadt kann eine solche Lösung durchaus lukrativ sein – mancher Denkmalschützer schlägt freilich beim Gedanken an solche Umbauten die Hände über dem Kopf zusammen.

Deutsche Erfahrungen mit Denkmalschutz und Stadtentwicklung sollen nun dazu beitragen, die "Weiße Stadt" zu erhalten. Unter anderem ist ein von der Bundesregierung gefördertes "Netzwerk Weiße Stadt Tel Aviv" entstanden, das den Aufbau eines Zentrums für denkmalgerechtes Bauen zum Ziel hat. Auch sollen in dem Netzwerk Experten und Partner aus allen Bereichen des Bauwesens zusammengebracht werden. (ud)