29.02.2012

Weißes Schwarz

In Japan hergestellte weiße Holzkohle soll besondere reinigende Eigenschaften haben

Der Name klingt absurd, aber das ist bereits Teil der Faszination des Produkts: Weiße Holzkohle aus Japan erfreut sich hierzulande einer steigenden Beliebtheit und passt zu dem häufig gepflegten Kult um traditionelle fernöstliche Küchenutensilien wie Messer und Essstäbchen. Das Binchōtan genannte Material wird unter anderem zur Regenerierung und Filterung von Wasser eingesetzt und geht auf eine aus dem späten 17. Jahrhundert stammende Köhlertradition zurück.

Der weiße Schimmer von Binch?tan hat der weißen Holzkohle ihren Namen gegeben. Foto: Kkkdc, CC-Lizenz
Weiße Holzkohle, Foto: Kkkdc, CC-Lizenz

So richtig weiß, wie es der Name suggeriert, ist die weiße Kohle in Wirklichkeit nicht: Sie ist von einer feinen Schicht aus Erde, Sand und Asche überzogen, was ihr einen weißlichen Farbton verleiht. Im Inneren ist sie wie jede Holzkohle jedoch tiefschwarz. Die Farbbezeichnung dient vor allem der Abgrenzung von der herkömmlichen Holzkohle, wie sie in Japan ebenfalls gebräuchlich ist: Letztere wird hergestellt, indem das Holz bei Temperaturen von 400 bis 700 Grad Celsius verschwelt wird, bis die Luftzufuhr abgeschnitten wird und sich das Material nach und nach abkühlt. Die Rinde bleibt in diesem Verfahren erhalten. Das so entstehende Produkt ist vergleichsweise weich und ähnelt der Holzkohle, die auch in Europa eine lange Tradition hat.

Ganz anders wird hingegen die weiße Holzkohle hergestellt, bei der traditionell Holz der Ubame-Eiche verwendet wird. Die Temperatur wird dabei zunächst sehr niedrig gehalten und erst gegen Ende gegen Ende des meist mehrtägigen Herstellungsprozesses auf bis zu 1.000 Grad Celsius gesteigert. Die Verschwelung findet jedoch ein jähes Ende: Das Material wird mit einem feuchten Pulver aus Sand, Asche und Erde bestreut und kühlt sich dadurch abrupt ab.

Die kurzzeitig sehr hohe Temperatur und die rasche Abkühlung verleiht der Holzkohle eine sehr harte Oberfläche. Sie ist so hart, dass die Kohlestücke einen metallischen Klang von sich geben, wenn sie aneinandergeschlagen werden. Sogar die Klanghölzer von Xylophonen lassen sich aus dem Material herstellen. Wird die weiße Holzkohle in Brand gesetzt, entsteht eine kaum sichtbare Flamme mit einem besonders hohen Anteil infraroter Wellenlängen. Damit eignet sie sich besonders gut für die zeremonielle Zubereitung von Tee oder für das Braten von Fisch und anderen Speisen, wo keine Rauchentwicklung erwünscht ist.

 

Das Grillen mit Holzkohle hat in Japan eine uralte Tradition. Weiße Holzkohle soll sich hierfür besonders gut eignen. Foto: pelican, CC-Lizenz
Grillen mit Holzkohle, Foto: pelican, CC-Lizenz

Geschätzt wird die weiße Holzkohle jedoch vor allem, weil ihr die Fähigkeit zugeschrieben wird, Wasser und Luft zu reinigen. In der Tat ist das Material extrem porös: Das bei der Verschwelung austretende Gas hinterlässt in dem verbleibenden Material unzählige Poren mit einer entsprechend großen Oberfläche, die das Potenzial hat, Schadstoffe aufzunehmen.

Eingesetzt wird die weiße Holzkohle daher beispielsweise zur Reinigung von Trinkwasser: Platziert in einer Karaffe mit Wasser, sollen die Holzstücke Schadstoffe aus der Flüssigkeit aufnehmen und ihrerseits Mineralien wie Kalium abgeben. Damit soll der Geschmack des Wassers verbessert werden. Wie gut das tatsächlich funktioniert, das liegt natürlich vor allem im subjektiven Empfinden des Benutzers – Tatsache ist: In einer eleganten Karaffe sehen die verkohlten Äste auf jeden Fall schick aus. Verwendet wird die weiße und doch schwarze Kohle auch beim Kochen von Reis. Dort soll sie dem Wasser Kalk entziehen und den Reis schmackhafter machen. Auch als Luftverbesserer kann die Kohle wirken: So platzieren manche die Kohlestücke in ihrem Schuhschrank, wo sie potenziell unangenehme Düfte aufnehmen.

Doch es gibt inzwischen eine Fülle weiterer Produkte, mit denen die reinigenden und filternden Eigenschaften der weißen Kohle ausgenutzt werden sollen und die manchmal obendrein noch dekorativ aussehen: Verkohlte Baumscheiben zur Luftreinigung zum Beispiel, Seifen und Shampoos mit zerkleinerten Kohlestücken, ja selbst Halsketten mit Holzkohleanhängern, die direkt auf der Haut getragen werden und die positiven Eigenschaften des verkohlten Holzes angeblich an den Träger weitergeben.

Auch hier gilt: Wie gut das tatsächlich funktioniert, bleibt der subjektiven Beurteilung  des Nutzers überlassen. Den Reiz macht sicherlich die Gegensätzlichkeit aus: Die weiße und doch schwarze Kohle – sonst geradezu sprichwörtlich schmutzig – schafft Sauberkeit und Frische. (ud)

 

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