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14.11.2012

Wenn Silber blau macht

Bei der seltenen Krankheit Argyrie verursacht das Edelmetall eine ungewöhnliche Verfärbung der Haut

Der Mann war blau. Nicht im übertragenen Sinn, sondern buchstäblich: Seine Gesichtshaut zeigte ebenso wie seine Augen, seine Brust, seine Arme, Hände und Fingernägel eine deutliche graublaue Verfärbung. Seit fünf Jahren etwa werde dieses eigenartige Phänomen immer stärker, erzählte er seinen Ärzten. Als diese begannen, Nachforschungen anzustellen, stießen sie recht schnell auf die Ursache der blauen Haut: Der 61-Jährige nahm seit einigen Jahren regelmäßig ein alternatives Heilmittel ein, das gegen seine Atemwegsprobleme helfen sollte – mithilfe von fein verteiltem Silber.

Kolloidales Silber führt – in hohen Dosen über längere Zeit eingenommen – zu einer graublauen Verfärbung der Haut. Nicht nur aus diesem Grund ist es ein äußerst umstrittenes Therapeutikum. Foto: nate steiner, CC-Lizenz
Graublaue Hände, Foto: nate steiner, CC-Lizenz

Eigentlich war der US-Amerikaner ziemlich gesund. Er klagte lediglich darüber, dass er sich immer wieder Atemwegsinfektionen einfing. Dagegen habe er über eine längere Zeit hinweg verschiedene Antibiotika bekommen – so lange, bis er seinen Job verlor und daher auch seine Krankenversicherung kündigen musste. Danach griff er statt zu den teuren Antibiotika zu einem vermeintlich ebenso guten alternativen Mittel: einer Trinklösung, die kolloidales Silber enthielt, also Silber in einer extrem feinen Verteilung. Solche Flüssigkeiten werden, vor allem im Internet, gerne als Allheilmittel angeboten, die angeblich gegen jegliche Form von Infektion schützen sollen.

Genau dieses Mittel war die Ursache der eigenartigen Verfärbung, konnten die Ärzte des 61-Jährigen nachweisen: Sie nahmen eine Gewebeprobe von seiner Gesichtshaut und fanden in deren untersten Schichten schwarze, metallische Körnchen. Damit war die Diagnose klar: Durch den langen  regelmäßigen Silberkonsum hatte der Mann eine sogenannte Argyrie entwickelt, eine Erkrankung, bei der sich das eingenommene Edelmetall unter der Haut ablagert.

Bekannt ist dieses heute ziemlich seltene Phänomen bereits seit mehreren hundert Jahren. Was dabei aber chemisch genau passiert, konnte erst kürzlich ein US-Wissenschaftlerteam herausfinden. Um den Weg der Silberteilchen nachzeichnen zu können, hatten Robert Hurt von der Brown University in Providence und seine Kollegen im Labor - stark vereinfacht - die  drei wichtigsten Stationen nachgebaut, die das Silber auf seiner Reise durchläuft: den Verdauungstrakt, den Blutkreislauf und die Haut.

Station eins ist der Magen mit seinem niedrigen pH-Wert und der hohen Konzentration an Salzsäure. Unter solchen Bedingungen oxidiert das Silber zu positiv geladenen Teilchen, sogenannten Silberionen. Das sei ein entscheidender Schritt, erläutern Hurt und seine Kollegen, denn: Das metallische Silber, aus dem die Teilchen ursprünglich bestehen, kann nur in äußerst geringen Mengen den Verdauungstrakt passieren und ins Blut übergehen. Die Ionen dagegen werden vom Körper wie jedes andere Salz behandelt und sogar aktiv in den Blutkreislauf transportiert.

Dort suchen sich die positiven Silberionen negativ geladene Partner – und finden diese vor allem in Form schwefelhaltiger Proteine im Blut. Fest an diese gekoppelt, reisen die Silberionen, jetzt in Form von Sulfiden, durch den Körper und gelangen auch in die unteren Hautschichten. Dort beginnt dann die dritte Phase, vorausgesetzt, die Haut kommt mit Sonnenlicht in Kontakt: Dann nämlich wird aus den meist farblosen Silbersulfiden und anderen Silberverbindungen wieder metallisches Silber – exakt der Vorgang, der bei der Belichtung eines klassischen Schwarz-Weiß-Fotos genutzt wird. Und so, wie sich beim Foto die belichteten Bereiche dunkel färben, verändert auch die Haut ihre Farbe: Das Silber schimmert durch den Filter der Hautpigmente graubläulich durch.

Behandeln kann man Argyrie übrigens kaum: Der Betroffene sollte sich von der Sonne fernhalten oder starke Sonnenschutzmittel verwenden, empfehlen Ärzte. Doch die bereits vorhandene Färbung lässt sich praktisch nicht rückgängig machen. Sie ist meist allerdings eher lästig als gefährlich: Nur in Einzelfällen treten weitere körperliche Probleme wie Nervenreizungen oder Nierenschäden auf.

CNN-Bericht über den US-Amerikaner Paul Karason, der es als "blue man" zu einer gewissen Berühmtheit gebracht hat.