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11.08.2010

Wenn die Welt nur noch grau und trist erscheint

Bei depressiven Menschen reagieren die Nervenzellen in der Netzhaut schwächer auf Kontraste

Für Depressive scheint die Welt ihre bunte Fröhlichkeit verloren zu haben – möglicherweise können sie Farben tatsächlich schlechter wahrnehmen. Foto: dorkau, Photocase.com
Für Depressive scheint die Welt ihre bunte Fröhlichkeit verloren zu haben – möglicherweise können sie Farben tatsächlich schlechter wahrnehmen. Foto: dorkau, Photocase.com

Es ist nur eine Metapher, sollte man meinen: Für depressive Menschen sieht die Welt grau und trostlos aus. Doch an dieser Aussage ist nicht nur im übertragenen Sinne etwas dran, haben Freiburger Wissenschaftler nun entdeckt. In einer Studie mit achtzig Freiwilligen – die Hälfte davon Patienten mit schweren Depressionen – konnten sie zeigen, dass die Sinneszellen in der Netzhaut depressiver Menschen wesentlich schwächer auf Schwarz-Weiß-Kontraste ansprechen als die von Gesunden.

Die Wissenschaftler um Studienleiter Ludger Tebartz van Elst zeichneten bei den Versuchsteilnehmern sogenannte Muster-Elektroretinogramme auf. Ein solches Retinogramm ähnelt vom Prinzip her dem aus der medizinischen Diagnostik bekannten Elektrokardiogramm (EKG) – mit dem Unterschied, dass hier nicht die elektrische Aktivität der Herzmuskelfasern gemessen wird, sondern die bestimmter Nervenzellen in der lichtempfindlichen Netzhaut. Beim Muster-Elektroretinogramm wird den Patienten dabei meist ein stetig wechselndes, schwarz-weißes Schachbrettmuster gezeigt und gemessen, wie sich das Signal der Nervenzellen dadurch verändert.

Das Verfahren wird sonst eingesetzt, um Grünen Star zu diagnostizieren, eine Erkrankung des Sehnervs, die im Extremfall zur Erblindung führen kann. Die Freiburger Wissenschaftler konnten nun jedoch zeigen, dass auch Depressionen das Signal der Nervenzellen in der Netzhaut beeinflussen. Die Forscher zeichneten bei vierzig Patienten mit schweren Depressionen, von denen die Hälfte medikamentös behandelt wurde, und bei einer gesunden Vergleichsgruppe Muster-Elektroretinogramme auf. Die Depressiven hatten einen "dramatisch niedrigeren Grenzwert" für die Wahrnehmung der Schwarz-Weiß-Kontraste, berichten die Wissenschaftler in ihrer Studie. Die Unterschiede waren so typisch und bei den Probanden so deutlich ausgeprägt, dass das Verfahren künftig möglicherweise sogar bei der Diagnose von Depressionen eingesetzt werden könnte.

Wie sich die bei Gesunden und psychisch Kranken unterschiedliche Aktivität der Nervenzellen in der Retina jedoch konkret auf die Wahrnehmung auswirkt, lässt sich anhand der Studienergebnisse allerdings nicht sagen. Frühere Untersuchungen hatten gezeigt, dass Depressive ihren Gefühlszustand besonders häufig mit der Farbe Grau assoziieren. Ob diese Verbindung jedoch tatsächlich auf die veränderte Wahrnehmung von Kontrasten im Auge zurückgeht, die alles tendenziell grau in grau erscheinen lässt, müssen erst weitere Studien zeigen. (ud)

Weitere Informationen:

Weitere Details finden Si ein der englischsprachigen Originalarbeit der Forscher:
Seeing Gray When Feeling Blue?