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08.09.2010

Wenn schwarze Lettern eine Farbe haben

Synästhetiker verknüpfen scheinbar unabhängige Sinneseindrücke miteinander und können so ihre geistigen und kreativen Fähigkeiten verbessern

Synästhesie gibt es in vielen Ausprägungen – hier hat eine Synästhetikerin ihr eigenes Farbalphabet zusammengestellt Grafik: Kelley, wikipedia.de, creative-commons-Lizenz
Synästhesie gibt es in vielen Ausprägungen – hier hat eine Synästhetikerin ihr eigenes Farbalphabet zusammengestellt Grafik: Kelley, wikipedia.de, creative-commons-Lizenz

Manche Menschen sehen einzelne Buchstaben oder Wörter farbig: Auch wenn sie schwarz auf weiß gedruckt sind, lösen sie in ihnen Farbempfindungen aus. Der Buchstabe "A" erscheint dann vielleicht als rot oder das "U" wird als leuchtend gelb wahrgenommen. Synästhesie wird das Phänomen genannt, bei dem die Wahrnehmung Verbindungen herstellt, die objektiv gesehen gar nicht vorhanden sind. Verbunden werden so jedoch nicht nur Buchstaben und Farben, sondern manchmal auch Gerüche, Töne oder Geschmacksempfindungen. Synästhesie kann eine Gabe sein, sagen Schweizer Psychologen, denn Synästhetiker zeigen bessere Gedächtnisleistungen und sind häufig besonders kreativ, fanden die Wissenschaftler in zwei Studien heraus.

Was haben der Komponist Olivier Messiaen, der Maler Wassily Kandinsky, der Schriftsteller Vladimir Nabokov und der Physiker Richard Feynman gemeinsam? Alle vier zeichneten sich durch einen überragenden, extrem kreativen Geist aus – und alle vier waren Synästhetiker. Gerade unter Künstlern scheint diese seltene Art der Wahrnehmung überdurchschnittlich häufig zu sein, lautet eine bisher eher anekdotisch als wissenschaftlich begründete These.

Die beiden Schweizer Psychologen Nicolas Rothen und Beat Meier schufen in einer Studie nun Fakten. Sie unterzogen 99 Züricher Kunststudenten und eine Kontrollgruppe von 96 Besuchern einer Veranstaltung der Universität Bern einem Synästhesie-Test und stellten fest: Etwa sieben Prozent der Kunststudenten verbanden synästhetisch Schrift und Farbe, während diese besondere Art der Wahrnehmung nur bei etwa 2 Prozent der Befragten aus der Kontrollgruppe auftrat.

Wie häufig bei solchen Studien, stellt sich natürlich auch hier die Frage nach Ei und Henne: Hatte die Betroffenen die größere Vielfalt ihrer Wahrnehmung der Welt dazu bewogen, sich für Kunst zu interessieren? Oder hat die Beschäftigung mit Kunst und Kreativität vielmehr erst das synästhetische Potenzial der Studenten aktiviert? Genau beantworten können die beiden Psychologen diese Fragen bisher nicht. Frühere Studien ließen allerdings darauf schließen, dass die synästhetische Verbindung von Schrift und Farbe erlernt sein kann, nicht jedoch die Fähigkeit zur Synästhesie an sich, erklären sie.

Die Verbindung von Schrift und Farbe geht jedoch nicht nur mit mehr Kreativität einher, sondern lassen Synästhetiker auch in Gedächtnistests besser abschneiden, fanden Rothen und Meier in einer weiteren Studie heraus: Hierbei untersuchten die Psychologen mit standardisierten Verfahren sowohl das episodische Gedächtnis als auch das Kurzzeitgedächtnis der Probanden. Während die Synästhetiker beim Kurzzeitgedächtnis keine Vorteile zu haben scheinen, schnitten sie bei episodischen Gedächtnis besser ab – wohl weil ihnen ein reichhaltigeres Spektrum an Wahrnehmungskriterien zur Verfügung steht als Nicht-Synästhetikern, wie die Forscher vermuten.

Trotz dieser und zahlreicher weiterer Forschungsergebnisse zum Thema Synästhesie: Wie das Phänomen generell entsteht, darüber rätseln Psychologen und Neurowissenschaftler noch immer. Eine der Hypothesen lautet: Synästhesie ist ein Relikt aus dem Baby- und Kleinkindalter. In diesen Entwicklungsphasen hat sich die spätere Arbeitsteilung der verschiedenen Hirnareale noch nicht ganz etabliert. So existieren im Gehirn noch zahlreiche Nervenverbindungen, die erst im Laufe der Entwicklung nicht mehr gebraucht werden und daher verschwinden. Möglicherweise haben sich bei Synästhetikern solche Verbindungen bis ins Erwachsenenalter gehalten und erzeugen so die ungewöhnlichen Assoziationen. (ud)

 

Weitere Informationen:

Zur Synästhesie-Forschung der Universität Bern mit einem: Synästhesie-Test.