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16.11.2005

Wie Blinde Farben sehen

Auch wenn vielen blinden Menschen die klare Vorstellung von Farbe verloren gegangen ist – sie empfinden die Welt noch immer als bunt

Farben sind für die meisten Menschen so sehr Teil des Alltags, dass sie selten oder nie über ihre Bedeutung nachdenken. Erst in der Auseinandersetzung mit dem Wegfallen von Farbigkeit entdecken sie das Mysterium der Farbe: Wie sieht beispielsweise die Vorstellungswelt eines blinden Menschen aus? Geht es dort farbig zu? Und lässt sich die Farbe "Rot" mit Worten beschreiben? Die Antworten sind nicht eindeutig, doch laden sie ein, das Phänomen Farbe mit neuen Augen zu sehen.

Die Farben einer Frühlingswiese können von vielen Erblindeten weiterhin intensiv visualisiert werden.

Die Farben einer Frühlingswiese können von vielen Erblindeten weiterhin intensiv visualisiert werden.

Auch das Rot eines Sonnenuntergangs existiert in der Vorstellung vieler Blinder weiter

Auch das Rot eines Sonnenuntergangs existiert in der Vorstellung vieler Blinder weiter

 

Nach seiner Lieblingsfarbe gefragt, antwortet der blinde Elmar Dosch: "Das Dunkelrot eines guten Rotweins." Seit 24 Jahren ist Dosch nun blind, doch spielen Farben in seinem Leben nach wie vor eine Rolle. Nicht nur beim Zusammenstellen der eigenen Garderobe achtet er auf die Farbauswahl, sondern auch bei der Vorstellung von Orten und Personen visualisiert er Farben. So ist der Rasen für ihn weiterhin grün und der Sonnenuntergang rot. Er wendet zwar ein, er müsse sich manchmal anstrengen, um das Bild in seinem Kopf bunt zu machen, doch Farben kann sich Elmar Dosch nach wie vor vorstellen. Lediglich die feinen Nuancen und bestimmte Modefarben wie beispielsweise Aubergine entziehen sich seiner Vorstellungskraft.

Ganz anders sieht die Welt des Münchners Martin Klein aus: Er ist von Geburt an blind und hat von Farben keine Vorstellung. Zwar weiß er, dass Weiß hell ist und Schwarz dunkel und dass er sich im Sommer besser hell als dunkel kleidet, doch was es mit Farben auf sich hat, kann er sich nicht vorstellen. Auch hat er nicht das Gefühl, etwas zu vermissen. Farbinformationen fallen einfach durch das Raster der übrigen angebotenen Informationen: Ein blaues Auto ist schlicht ein Auto. Dieses Wegfallen von Information ist für ihn so selbstverständlich geworden, dass er gar nicht mehr darüber nachdenkt.

Für die meisten Menschen ist ein solches Leben ohne Farben unvorstellbar: Was wäre der Himmel ohne Blau oder ein Wald ohne Grün? Vor die Aufgabe gestellt, die Farbe Rot zu beschreiben, ist der Mensch dennoch sprachlos: Zwar sind Farben Teil seines Alltags, doch die Beschreibung einer Farbe entzieht sich dem Vokabular. Wissenschaftler können Farben mit den Wellenlängen des Lichts definieren, doch was für ein Bild im Kopf eines Menschen entsteht, der einen roten Apfel sieht, ist damit noch nicht geklärt. In der Tat kann der rote Apfel im inneren Auge des einen ganz anders aussehen als im inneren Auge des anderen – es haben sich nur alle darauf geeinigt, die Farbe des Apfels "Rot" zu nennen.

Was also ist Farbe? Ist sie eine Eigenschaft der Dinge oder existiert sie in erster Linie in der Vorstellung? Fest steht, dass sie auch ohne die Dinge in der visuellen Vorstellung existieren kann. So arbeiten Menschen, die nicht von Geburt an blind sind, oft weiterhin in ihrer Vorstellung mit Farben. Wie weit jedoch ein jeder Farbigkeit in seinen Alltag einbaut, ist unterschiedlich. Für den einen mögen Farben eine Art angenehme Erinnerung sein, während sie für den anderen nach dem Erblinden sogar noch intensiver und vielleicht sogar wichtiger werden, als sie es zuvor waren.

So beschreibt der auch in Deutschland durch seine Bücher bekannte Neurologe Oliver Sacks ein breites Spektrum an Einstellungen spät erblindeter Menschen zum Thema Visualisierung und Farbe. In seinem Aufsatz "Was Blinde sehen" in der Zeitschrift "The New Yorker" berichtet Sacks etwa von dem französische Widerstandskämpfer Jaques Lusseyran, der im Alter von sieben Jahren erblindete und bald seinen visuellen Bezug zur realen Welt verlor: Er vergaß die Gesichter vertrauter Menschen und maß den äußeren Eigenschaften, der Erscheinung von Personen, bald keine Bedeutung mehr bei.

Gleichzeitig begann er jedoch, eine imaginäre visuelle Welt aufzubauen und für sich zu nutzen, in der alle Farben des Regenbogens vertreten waren: "Nichts kam mir in den Sinn, ohne in ein gewisses Licht getaucht zu werden.... In nur wenigen Monaten hatte sich meine Welt in ein Maleratelier verwandelt." Einer seiner Freunde fand sogar, dass es in der Welt Lusseyrans mehr Farben und Bilder gebe als in seiner eigenen, der Welt der Sehenden.

Ähnlich lebhaft wie bei Lusseyran geht es in der Vorstellung der erblindeten Sabriye Tenberken zu: Sie kreiert dort derart detaillierte Bilder, dass sie ihre Zuhörer damit oft in Erstaunen versetzt. Wie Sacks schreibt, kommt ihr für die Farbvorstellung eine ausgeprägte Synästhesie zu Hilfe, die sich durch ihre Blindheit offenbar noch verstärkt hat. Bei der Synästhesie verschränken sich verschiedene Sinneswahrnehmungen. Beispielsweise kann ein gehörtes Wort bei einem Synästhetiker einen Farbeindruck hervorrufen. So hörte Tenberkens Welt auch nach dem vollständigen Erblinden nicht auf, farbig zu sein.

Auch Menschen, die nicht über eine Synästhesie verfügen, können das verlorene Augenlicht zu einem gewissen Grad über die anderen Sinne kompensieren. So schreibt Sacks von zwei weiteren Personen, deren Vorstellungskraft und Bilderwelt sich nach dem Erblinden nicht nur intensivierte, sondern deren Bereitschaft sich erhöhte, Eindrücke der übrigen Sinne für ihre Visualisierung zu verwenden. So nutzen sie verbale Beschreibungen, Ertasten, Bewegung, Hören und Riechen, um visuelle Bilder zu erzeugen. Auch für Sehende lässt sich daraus schließen, dass die visuelle Vorstellung weit über das eigentlich Gesehene hinausgehen kann, wenn die Eindrücke der unterschiedlichen Sinne zusammenfließen.