18.05.2005

Wie Gutenbergs Bibel farbig wurde

Wissenschaftler analysieren die Pigmente des kulturhistorisch einzigartigen Werks

Britische Wissenschaftler haben herausgefunden, welche Farbpigmente Johannes Gutenberg in seinen berühmten Bibeln verwendete. Der Erfinder des Buchdrucks mit beweglichen Lettern nutzte Zinnober, Azurit, Bleizinn, Kohle, Kalk, Malachit und Kalziumkarbonat für die farbigen Illustrationen der Bibeln, von denen in seiner Werkstatt insgesamt etwa 180 gedruckt wurden. Das Wissen um die verwendeten Farbstoffe soll helfen, die 48 heute noch existierenden Exemplare des kulturgeschichtlich einzigartigen Werks zu erhalten.

Die 48 noch erhaltenen Expemplare der Gutenberg-Bibel gehören zu den wertvollsten und schönsten Büchern der Welt. Der 42-zeilige Druck demonstrierte eindrucksvoll, wie leistungsfähig das neue Verfahren war
Gutenbergs Bibel

Als der Schreiber Johannes Gutenberg 1445 den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfand, war das der Beginn eines kulturellen Umbruchs. Bücher konnten nun erstmals in großer Zahl gedruckt werden und mussten nicht mehr mühevoll von Hand abgeschrieben werden. Damit wurde Wissen und Bildung für weitaus mehr Menschen als bisher erreichbar und erschwinglich.

Zum Sinnbild dieser neuen Ära wurden die von Gutenberg zwischen 1452 und 1454 in Mainz gedruckten Bibeln. Damit demonstrierte Johannes Gutenberg, dass die Ästhetik dieser neuen Form des Schreibens ("nova forma scribendi") an die der herkömmlichen Buchherstellung per Handschrift durchaus heranreichte. So hat Gutenberg für den Druck 290 verschiedene Figuren gegossen. Illustratoren fügten dann später die farbigen Initialen und Zeichen ein: Tiere, Blumen, Früchte und viele andere dekorative Muster. Insgesamt arbeiteten etwa zwanzig Menschen im Auftrag Gutenbergs an den Ausgaben des 1.282 Seiten starken, zweibändigen Werks, das bis heute zu den schönsten und teuersten gedruckten Büchern der Welt zählt.

Trotz des enormen Interesses, das Kunsthistoriker den Gutenberg-Bibeln entgegenbringen, war bisher kaum bekannt, welche Farbpigmente der Meister und seine Mitarbeiter für diese Illustrationen verwendeten – eine Tatsache, die den Chemiker Robin Clark vom University College in London verwunderte. Gemeinsam mit seinem Team untersuchte der Wissenschaftler daher nun die neun Grundfarben dieser Illustrationen mit einem Raman-Spektroskopie genannten Verfahren.

Die Wissenschaftler nahmen dazu insgesamt sieben Gutenberg-Bibeln aus europäischen Bibliotheken unter die Lupe, darunter ein Exemplar aus dem Besitz von König George III, das in der British Library in London aufbewahrt wird. Sie analysierten dabei entweder direkt die auf das Papier oder Pergament aufgetragene Farbe, oder sie verwendeten abgeblätterte Farbkrümel, die sie zwischen den Seiten aufsammeln konnten.

Dazu bestrahlten die Forscher die Farbstoffe mit Laserlicht. Die Pigmente werfen dieses Licht zurück, wobei es jedoch einen Teil seiner Energie verliert, was mit einer Veränderung der Wellenlänge einhergeht. Diese Veränderung wird gemessen, und daraus lassen sich dann Rückschlüsse auf die molekulare Zusammensetzung des Materials ziehen.

Für sieben der neun verwendeten Grundfarben ergab die Auswertung ein klares Ergebnis: Gutenbergs Leute verwendeten Kohlenstoff für das Schwarz, Kupferlasur – auch Azurit genannt – für das Blau, das als Berggrün bekannte Malachit für Olivgrün, Grünspan für helles Grün, Bleizinngelb für Gelb, das als Zinnober bezeichnete Quecksilbersulfid für Hellrot und Kalk für Weiß. Unklar bleibt jedoch, woraus die Pigmente für das Gold und das dunkle Rot bestehen. Die Forscher vermuten, dass die Goldfarbe direkt aus dem Edelmetall hergestellt wurde und das Dunkelrot aus irgendeiner Pflanze oder einem Insekt gewonnen wurde. Weitere Untersuchungen sollen nun diese Frage klären.

Auch wenn die Illustrationen von Ausgabe zu Ausgabe voneinander abweichen, ähneln sich die Pigmente aller sechs untersuchten Exemplare stark. Dies zeige, wie begrenzt die Auswahl an Farbstoffen damals Ende des 15. Jahrhunderts in Europa war, erklärt Clark. Dennoch gibt es Abweichungen: So fanden die Wissenschaftler in zwei in Deutschland aufbewahrten Ausgaben Spuren von Lapislazuli – einem bis heute sehr teuren leuchtend blauen Farbstoff. Die Forscher vermuten, dass die Bibel ursprünglich für einen reichen Auftraggeber vorgesehen war und daher besonders aufwändig ausgestattet wurde.