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23.05.2012

Wunderröhre und Kultobjekt

Vor hundert Jahren brannte in Paris das rote Licht der ersten kommerziellen Neonröhre

Es war der leuchtende Beginn einer Weltkarriere: An einem Pariser Friseursalon flammte im Jahr 1912 in strahlendem Rot der Schriftzug "palais coiffeur" auf – die erste Neonröhre in der Werbung überhaupt. Der mit dem Gas Neon gefüllten, gebogenen Glasröhre am Pariser Boulevard Montmartre sollten in den folgenden Jahrzehnten noch Hunderttausende in aller Welt folgen. Wie kaum eine andere Erfindung wurde die Neonröhre zum farbigen Symbol pulsierenden, urbanen Lebens.

Reine Neonröhren senden rötliches Licht aus. Foto: Pslawinski, CC-Lizenz
Neonröhre, Foto: Pslawinski, CC-Lizenz

Dass die erste kommerziell genutzte Neonröhre ausgerechnet in Paris aufleuchtete, war kein Zufall. Hier lebte und arbeitete der Erfinder Georges Claude, der als "Vater der Neonröhre" in die Geschichte eingegangen ist. Er hatte um 1910 die Möglichkeiten der mit dem Gas gefüllten Röhren erkannt, die durch das Anlegen einer elektrischen Spannung zum Leuchten gebracht werden.

Bis es soweit war, musste allerdings erst einmal das Gas selbst entdeckt werden. Dieses Verdienst kommt den beiden britischen Chemikern William Ramsay und Morris William Travers zu: Sie stießen im Juni 1898 auf das Neon, als sie versuchten, die damals noch vorhandenen weißen Flecken im Periodensystem der Elemente zu tilgen. Unbekannt waren kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert unter anderen noch die sogenannten Edelgase. Ihr Name geht auf deren besonders große chemische Stabilität zurück: Ihnen fehlt die Fähigkeit, mit anderen chemischen Elementen stabile Verbindungen einzugehen, und gerade dies bewirkte auch, dass sie lange unerkannt geblieben waren.

Ramsay und Travers konnten das Gas dennoch ausfindig machen, und sie beschlossen, es Neon zu nennen, nach dem griechischen Wort für "neu". Zuvor hatte Ramsay schon die Edelgase Argon, Helium und Krypton entdeckt. Als letztes im Bunde fanden Ramsay und Travers schließlich das Xenon, benannt nach dem griechischen Wort für "fremd".

Schon die beiden Naturwissenschaftler hatten beobachtet, dass eine mit Neon gefüllte Glasröhre ein rotes Licht aussendet, wenn eine elektrische Spannung angelegt wird – eine Beobachtung, die ein gutes Jahrzehnt später vom Franzosen Georges Claude praktisch umgesetzt wurde. Systematisch arbeitete Claude daran, die Leuchtkraft dieser Röhren zu verbessern, und schließlich kam er auf die Idee, dass sich die Röhren auch zu Schriftzügen geformt werden konnten, die sich hervorragend in der Werbung einsetzen ließen.

Selbst in Las Vegas, der einstigen Hauptstadt der Neonröhre, sind die leuchtenden Glaskolben weitgehend aus dem Stadtbild verschwunden. Foto: AchimD, CC-Lizenz
Las Vegas, Foto: AchimD, CC-Lizenz

Die von ihm entwickelten Elektroden machten eine massenhafte Herstellung der leuchtenden Röhren möglich, und die Lichtbänder veränderten das nächtliche Erscheinungsbild vieler Metropolen in rasender Geschwindigkeit. Bereits 1927 gab es in Paris 6.000 Neon-Werbungen, doch auch weit über die französische Hauptstadt hinaus hatte Claude mit seinem Unternehmen "Claude Neon Lights, Inc." Erfolg, vor allem auf dem amerikanischen Kontinent.

Gerade in den USA entwickelte sich die Leuchtreklame zum Massengeschäft. So wurden allein im Jahr 1934 in Manhattan und Brooklyn fast 20.000 Neon-Röhren installiert. In Las Vegas wurde die farbige Neonröhre sogar zum prägenden Element des Stadtbilds. Doch auch in Europa waren die leuchtenden Röhren allgegenwärtig: Als die Österreicher 1938 zu einer Volksabstimmung über den Anschluss an das nationalsozialistische Deutschland aufgerufen waren, hatte die NS-Propaganda am Hietzinger Platz in Wien ein riesiges, aus Neonröhren geformtes "Ja" installieren lassen – in welcher Farbe, ist nicht mehr überliefert. 

Früher waren Neonröhren in der Werbung allgegenwärtig, heute weisen sie fast nur noch den Weg zu den Nachtclubs großer Städte. Foto: pitchyscratchy, Photocase.com
Nachtclub, Foto: pitchyscratchy, Photocase.com

Der Begriff "Neonröhre" hatte sich schon damals etabliert, obwohl die schlanken Glaskolben keineswegs immer ausschließlich mit Neon gefüllt waren. Um etwa violette Farbtöne zu erzielen, wurde das Edelgas Argon eingesetzt, Helium erzeugte rosa Farbtöne, während sich mit Xenon ein blaues Licht erzielen ließ. Hinzu kam die Beschichtung der Innenwände der Röhren mit fluoreszierenden Stoffen, die zu einem intensiveren Farbton beitragen konnten.

Nachdem die Neonröhre mehrere Jahrzehnte lang vor allem ein Symbol des pulsierenden Stadtlebens gewesen war, begann sich nach dem Zweiten Weltkrieg das Image der Leuchtobjekte allmählich zu wandeln. Anstelle der leuchtenden Schriftzüge wurden für die Werbung immer mehr hinterleuchtete Glasflächen eingesetzt. Neonröhren wurden zunehmend mit Reklame für billige Motels und Absteigen und zwielichtige Etablissements in Zusammenhang gebracht. Schließlich verschwanden sie zunächst in den USA, später auch in Europa wieder weitgehend aus dem Stadtbild.

Auf dieser Doppeldeutigkeit ihrer Geschichte beruht der heute geradezu legendäre Ruf der Neonröhre: Sie ist der farbige Bote einer längst vergangenen, leuchtenden Zeit und zugleich ein Symbol sündigen Stadtlebens. (ud)