06.10.2010

"…alle Farben sind darin enthalten…"

Mit dem Werk "Das Schwarze Quadrat" hat der russische Maler Kasimir Malewitsch ein farbiges Kunstwerk geschaffen

Das kleine Bild mit seinen 80 mal 80 Zentimeter entfaltet eine faszinierende Wirkung: Ein schwarzes Quadrat auf weißem Grund. Das Weiß ist durchsichtig und etwas wolkig und das Schwarz nicht opak, sondern es scheint lebendig zu sein. Das Gemälde ist verhalten und dennoch spannungsvoll. Die Rede ist vom berühmtesten Gemälde der russischen Avantgarde: dem "Schwarzen Quadrat auf weißen Grund" von Kasimir Malewitsch.

Das 1915 erstmals ausgestellte Werk 'Schwarzes Quadrat auf weißem Grund' von Kasimir Malewitsch hängt in Tretjakow-Galerie in Moskau und ist eines der wegweisenden Werke des 20. Jahrhunderts. Repro: wikipedia.de, gemeinfrei
Schwarzes Quadrat auf weißem Grund, Repro: wikipedia.de, gemeinfrei

Das Bild gilt als das malerische Initialwerk des Suprematismus, einer Kunstrichtung, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Russland entstand. Sie zeichnet sich durch Reduktion auf geometrische Formen aus und definiert die Gegenstandslosigkeit als das Höchste überhaupt. Überraschend ist, dass sich Malewitsch in der Farbwahl seines Gemäldes auch auf die russische Volkskunst bezieht: die Ikonenmalerei.

Nach seinen malerischen realistischen Anfängen hatte sich Kasimir Malewitsch von allen klassischen Kunststilen gelöst und den Kubismus, der ihn in Paris inspirierte, mit geometrischen und blockhafteren Formen und metallischen Oberflächen zu einem eigenen Stil umgewandelt. Das Gemälde "Schwarzes Quadrat auf weißem Grund" präsentiert er 1915 in der Ausstellung "Die Letzte Futuristische Ausstellung 0,10" in St. Petersburg mit 35 anderen von ihm stammenden abstrakten Bildern.

Malewitsch bezeichnet das "Schwarze Quadrat" als "ungerahmte Ikone seiner Zeit" und bezieht sich damit auf die russische Ikonenmalerei. Von der russischen Volkskunst übernimmt Malewitsch die geometrischen Formen und auch die Farbsymbolik. Er greift in seiner Gemäldegestaltung fast immer auf die sieben Farben der Ikonenmalerei, Schwarz, Weiß, Gelb, Blau, Rot, Grün und Rosa zurück. In der Ikonenmalerei stehen die Farben Schwarz und Weiß für den Anfang und das Ende, zwischen denen sich das Leben des gesamten Kosmos entwickelt. Schwarz gilt als Farbe des Nichts, des Todes und der Dunkelheit, Weiß als die des Lebens, der Geburt, des Lichts. Außerdem bedeutet für Malewitsch der elementare Kontrast zwischen Weiß und Schwarz eine universelle Energie.

Für Malewitsch ist die Gegenstandslosigkeit das höchste Kunstideal. Mit dem "Schwarzen Quadrat auf weißem Grund" reduziert er die Farbe so weit, dass ein monochromer Nullzustand eintritt, der Nullpunkt der Malerei. Das Quadrat verkörpert für Malewitsch ebenfalls die Nullform, die Erfahrung der reinen Gegenstandslosigkeit. Gleichzeitig ist er der Meinung, mit einfachen geometrischen Formen am besten Empfindungen ausdrücken zu können. Die Loslösung von naturalistischen Gestaltungen betrachtet er als grenzenlose Freiheit ohne herkömmliche Einschränkungen.

Für den Künstler ist die geometrische Form des Quadrats die Tür zu einem unbekannten Raum, und ihr Schwarz ist ebenso grenzenlos wie das Weiß, in dem sie schwebt: Alle Formen und alle Farben sind darin enthalten. Das Höchstmaß an Immaterialität verkörpert sein Gemälde "Weiß auf Weiß". Hier präsentiert er ein weißes Quadrat auf weißem Grund. Gleichzeitig verwendet Malewitsch für seine Gemälde auch ungemischte "reine" Farben, die starke Farbreize ausüben und die Farbwahrnehmung verstärken. Malewitsch bezeichnet das "Schwarze Quadrat" als "Königsknabe", als Antlitz der neuen Kunst und als ersten Schritt des reinen Schöpferischen. Es ist für ihn nicht nur eine abstrakte geometrische Komposition, sondern ein spirituelles Objekt.

Selbstbildnis Kazimir Malevich, Quelle: wikipedia.de, gemeinfrei
Selbstbildnis Kazimir Malevich, Quelle: wikipedia.de, gemeinfrei

Da gegenstandslose Kunst für die politische Funktionalisierung meist unbrauchbar ist, scheitert der Suprematismus und wird in Russland schließlich verboten. Malewitsch ist gezwungen, immer mehr vielteilige, mehrfarbige Kompositionen zu malen.

Es entstehen sogar wieder naturalistische Werke. Die Ideen des Suprematismus und des Schwarzen Quadrats wirken jedoch über das 20. Jahrhundert und das Bauhaus sowie die Künstlervereinigung de Stijl mit Piet Mondrian hinaus. Auch in der monochromen Malerei von Yves Klein und im abstrakten Expressionismus mit seiner Farbfeldmalerei sind Bezüge zum Schwarzen Quadrat erkennbar. Die Wirkung des Werks "Schwarzes Quadrat auf weißem Grund" reicht bis in die Konzeptkunst des 21. Jahrhunderts, die sich auf diese suprematistische Ikone der russischen Avantgarde bezieht. (an)