
Wie das Gehirn die Welt färbt
Die Farbwahrnehmung hängt nicht nur von der tatsächlichen Farbe eines Gegenstandes ab, sondern auch von der Erwartungshaltung
Wer schon einmal während der Dämmerung einen Spaziergang gemacht hat, kennt das Phänomen: Obwohl man im Dämmerlicht eigentlich gar keine Farben erkennen kann, erscheinen die Wiese grün und die Äpfel am Baum rot – und zwar einfach deswegen, weil man erwartet, dass das Gras grün und die Früchte rot sind. Wie stark der Einfluss dieser Erwartungshaltung ist, haben nun Gießener Forscher gezeigt: Ihren Probanden erschienen Zitronen und Bananen nur dann nicht mehr gelb, wenn sie in Wirklichkeit schon einen deutlichen Blaustich hatten.
Auf den ersten Blick erscheint die Antwort auf die Frage, warum Tomaten rot und Salatköpfe grün sind, ganz klar: Tomaten absorbieren aus dem auftreffenden Licht alles bis auf die roten und Salatköpfe alles bis auf die grünen Anteile. Diese werden reflektiert und erreichen das Auge, wo sie einen Farbeindruck hervorrufen. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit, wissen Farbforscher schon seit längerer Zeit. Denn damit ist nicht erklärbar, warum die meisten Menschen auf die Bitte, ein typisches Grasgrün auszusuchen, einen Grünton auswählen, der sehr viel intensiver ist als der natürliche Graston.
Verantwortlich dafür ist etwas, das Psychologen Gedächtnisfarben nennen: Betrachtet man etwa eine Banane oder eine Tomate, greift das Gehirn für die aktuelle Wahrnehmung nicht nur auf die physikalischen Daten des Auges zurück, sondern verrechnet sie zusätzlich noch mit der abgespeicherten typischen Farbe – eben der Gedächtnisfarbe – des Gegenstandes. Deswegen erscheinen Tomaten beispielsweise häufig intensiver rot, als sie es tatsächlich sind, und auch Gras bleibt trotz Dämmerlicht grün. [>>]











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