
Ein Schmetterlingsflügel für die Lippen
Pigmentfreie Schminkprodukte erzeugen intensive Farben nach dem Schmetterlingsprinzip
Auf den ersten Blick werden sie eher unscheinbar wirken, die neuen Nagellacke, Lidschatten und Lippenstifte. Statt in kräftigen oder zarten Farben, wie man sie aus dem Kosmetikregal kennt, kommen die Schminkprodukte der nächsten Generation in ihren Töpfchen, Tiegelchen und Stiften in schlichtem Weiß daher. Erst wenn sie auf die Haut aufgetragen werden, zeigen die "Farben ohne Farben" ihre verborgenen inneren Werte: Sie lassen Augenlider in irisierenden Regenbogentönen schimmern, verleihen Lippen ein extrem intensives Rot, das je nach Blickwinkel seine Farbe von Pink nach Blau ändert und lassen Wimpern wie Diamanten glitzern. Ihr Geheimnis: Die Produkte enthalten keine Pigmente, sondern photonische Strukturen, die auch Schmetterlingsflügeln und Pfauenfedern ihre brillanten Farben verleihen.
Das Vorbild für das neue High-Tech-Make-up stammt wie so oft aus der Natur – genauer gesagt, aus dem tropischen Regenwald. Dort leben Morpho-Schmetterlinge, deren Flügel zwar in den unglaublichsten Farben schillern, jedoch nicht ein einziges Pigment enthalten. Stattdessen nutzen sie eine Eigenschaft des Lichts aus, die auch Seifenblasen oder Öltropfen auf dem Wasser schillern lassen. Das Prinzip: Trifft Licht auf die Oberfläche eines dünnen Films, wird ein Teil wie an einem Spiegel reflektiert, während gleichzeitig ein anderer Teil in die Schicht eindringt, um schließlich von der unteren Grenzfläche reflektiert zu werden.
Vereinigen sich die beiden reflektierten Strahlen auf ihrer Reise, kann es zu Interferenzeffekten kommen: Die beiden Lichtstrahlen verstärken sich gegenseitig und verursachen eine starke Reflexion bei einer bestimmten Wellenlänge – und damit eine bestimmte Farbe. Je mehr dünne Schichten dabei übereinander liegen, desto intensiver wird die Farbe.
Genau nach diesem Prinzip bauen auch Morpho-Schmetterlinge ihre Flügel auf, hatten die britischen Physiker Peter Vukusic und Roy Sambles erst vor wenigen Jahren entdeckt. Unter dem Elektronenmikroskop konnten sie feine, nur drei bis vier tausendstel Millimeter dicke Schuppen erkennen, die wie bei einem Schindeldach übereinander geschichtet waren. Auf der Oberfläche dieser Schuppen fanden die Forscher noch eine weitere Schichtstruktur: Wie die Zweige eines winzigen Tannenbaums wechseln sich dort Schichten aus einem durchsichtigen Material mit Luftpolstern ab und bilden einen so genannten photonischen Kristall. Solche Kristalle, die auch in Pfauenfedern vorkommen, fangen das einfallende Licht ein und lassen aufgrund von komplexen Überlagerungen nur bestimmte Wellenlängen wieder heraus. [>>]











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