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16.05.2007
  

Einheit durch Farbe

Haus für Haus entsteht die einmalige expressive Farbigkeit einer Siedlung des Architekten Richard Döcker in Stuttgart von neuem


Jahre bevor der Architekt Richard Döcker sein Haus in der Weißenhofsiedlung in Stuttgart baute, sorgte er mit seiner eigenwilligen Farbgestaltung der nebenan liegenden Siedlung Viergiebelweg für Furore. Mit kräftigen Farbtönen lud er seine puristischen Hausentwürfe emotional auf und zerschnitt die Volumina der einzelnen Bauten zugunsten einer Einheit der Siedlung.


Wer in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein progressiver Architekt war, der würzte seine Bauten mit kräftigen und reinen Farbtönen: Richard Döcker, Le Corbusier, J. J. P. Oud, Gerrit Th. Rietveld, Theo van Doesburg oder der wohl berühmteste deutsche Farbbaumeister dieser Zeit, Bruno Taut. Viele waren auch Maler oder interessierten sich für andere Themen jenseits der Architektur. Richard Döcker, 1894 in der Nähe von Stuttgart geboren, studierte im Zweiten Weltkrieg beispielsweise vier Semester Biologie – vielleicht bedingt durch seine Vorliebe für ein Denken in organischen Begriffen.

Für ihn war Bauen das Erzeugen einer organischen Einheit – "ein Inbeziehungsetzen des Anfangs und des Endes – Organismus – der Bau erster, die Siedlung höherer Ordnung", wie er es in einer Veröffentlichung zur 1923 fertiggestellten Siedlung Viergiebelweg bemerkte. "Die Dynamik und der organische Aufbau des Begriffs Siedlung als Einheit war und blieb Ausgangspunkt meines Schaffens. Ein Haus kann ohne das andere nicht bestehen, sie sind als Teile des Ganzen nur zu begreifen." Während seine Architektur funktionalistisch und rationalistisch orientiert war, sollte die Farbe einen emotionalen Oberton erzeugen und die Einheit erlebbar machen. Er fuhr fort: "Diese Bindung wird zur Steigerung im Gesamterlebnis, verstärkt durch die farbige Gestaltung der Häuser. Auch dies ist Unterstützung zur Einheit, ohne Farbe würde die Bindung zum Ganzen geschwächt."

16 Einfamilien- und 5 Doppelhäuser platzierte er, der bewegten Stuttgarter Topografie folgend, an einer großen Straße und an mehreren, winklig dazu verlaufenden Sträßchen. Die im Detail eindeutig modernen, aber mit ihren traditionellen Giebeln eher unauffälligen Häuser wären in ihrer lockeren Verteilung ohne die besondere Farbgestaltung wohl kaum als Einheit wahrgenommen worden.

Jede Seite eines Hauses war vom Boden bis unter das Dach ganz in eine andere Farbe getaucht. Auf der Hauskante stießen sie scharf aneinander: eine Unbuntfarbe, ein Blauton, ein Rotton und eine Gelbtönung. Die Zuordnung der Farbflächen war vor allem abhängig von der Himmelsrichtung. Durchgängig war die Südseite gelb, die gegenüberliegende Schattenseite blau – durch die Topografie bedingt eventuell mit leichten Abweichungen. Die Unbuntfarben – Anthrazit- und Brauntöne sowie ein gebrochenes Weiß – fassten die Außenflächen der Siedlung. Rottöne wurden für sich gegenüberstehende Fassadengruppen verwendet. [>>]