Schriftgröße     
18.07.2007
  

Farbige Zeitreise

Die Bauhaus-Meisterhäuser in Dessau erscheinen nach außen weiß und kühl, zeigen jedoch ein farbenfrohes Inneres


Außen kubisch und weiß, mit ganz wenig grafisch eingesetzten Farben – innen so bunt wie ein Tafelbild von Wassily Kandinsky. So präsentieren sich heute wieder zwei der Meisterhäuser in Dessau. Als das Bauhaus 1925 von Weimar nach Dessau zog, hatte dessen Leiter Walter Gropius die kleine, standardisierte Villenkolonie von drei in sich gespiegelten Doppelhäusern und einem Einzelhaus geplant. Das Innere gestalteten Paul Klee, Wassily Kandinsky, Georg Muche und Oskar Schlemmer. 1996 wurden die Häuser zusammen mit dem Schulgebäude von damals in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen und werden seither restauriert. 2007 fehlen immer noch das letzte der Doppelhäuser und das Einzelhaus, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden.


Die beiden noch erhaltenen, aber zwischenzeitlich völlig entstellten Gebäude sind wieder original hergestellt. Außen sind sie kalkweiß, wie man das von der Moderne erwartet. Nur die sehr zurückhaltenden Geländer der Dachterrassen sind rot, die schmale Untersicht der überkragenden Bauteile rot oder blau. Man bemerkt die Farben nur, wenn man direkt unter ihnen steht.

"Gropius war dagegen, seine Architektur farbig auszugestalten", schrieb Wassily Kandinskys Frau Nina in einem Brief während der Bauzeit. Die Bauhausmeister allerdings, allen voran Paul Klee und Wassily Kandisky, wollten sich auch in ihren eigenen vier Wänden mit Farbe auseinandersetzen. In einer Form sollte Farbe entweder "aufgehen" oder ihr "entgegengesetzt gehen", heißt es in einem Meisterratsprotokoll von 1924. Und weiter: "Die daraus fließende Kraft der Farbe, auch den gegebenen Raum auf diese und andere Weise zu gestalten, ist eine der wichtigsten Angelegenheiten des Bauhauses."

De Stijl hatte diesen neuen Impuls in den frühen 1920er-Jahren radikal formuliert: Theo van Doesburg, Dadaist mit Herz und Seele, propagierte die farbige Raum-Zeit-Kunst, die "den Menschen statt vor – in die Malerei stellt". Und Piet Mondrians berühmte Bilder erinnern an farbig ausgefachtes Ständerwerk. Georg Muche ließ sich von diesen Künstlern inspirieren. So wurde sein Schlafzimmer in den Primärfarben, dem Markenzeichen von de Stijl und der orthogonalen Herangehensweise von Mondrian ausgestaltet. Raum und Farbe sollten sich durchdringen.

Kandinsky und Klee entwickelten einen noch individualistischeren Stil. Ihr Doppelhaus ist von innen geradezu spektakulär. So wie sich die beiden Künstler in ihren Tafelbildern intensiv mit Raum auseinandersetzten, so künstlerisch brachte jeder auch die Farbe in seine Wohnräume. Die teilweise nicht deckenden Anstriche gingen in den Bereich der Lasuren. Die Wirkung der so realisierten Halbtöne reichte über die monochromer Anstriche weit hinaus. Dabei trafen die Künstler nicht von Anfang an eine für sie stimmige Farbharmonie.  [>>]