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30.04.2014

Als die Farbe laufen lernte

Die ersten farbigen Filme sind bereits über hundert Jahre alt

Es ist eine unwirkliche Szene wie aus einem seltsamen Traum: Drei Kinder sitzen vor einem Glas, in dem zwei Goldfische schwimmen. Zwei der Kinder haben Blumen in der Hand, mit denen sie wild herumwedeln. Mehr geschieht nicht in dieser über eine Minute langen Filmsequenz. Das Besondere daran ist: Die Szene ist in Farbe gedreht, und sie stammt aus dem Jahr 1902. Es ist die älteste bekannte farbige Filmaufnahme überhaupt.

Die Szene aus dem ersten heute bekannten farbigen Film in der Geschichte zeigt die drei Kinder des Erfinders im Jahr 1902: Alfred Raymond Turner, Agnes May Turner und Wilfred Sidney Turner. Foto: courtesy of the National Media Museum/SSPL
Foto: courtesy of the National Media Museum/SSPL

Filmklassiker wie "Casablanca" von 1942 oder "High Noon" von 1952 – um nur zwei zu nennen – sind in Schwarz-Weiß gedreht. Daher liegt die Annahme nahe, der Farbfilm sei erst Mitte des 20. Jahrhunderts erfunden worden. Doch weit gefehlt: Als Humphrey Bogart Anfang der 1940er-Jahre Ingrid Bergman noch in Schwarz-Weiß in die Augen schaute, war der farbige Film bereits vier Jahrzehnte alt. In der gesamten Filmwelt durchgesetzt hatte er sich damals noch nicht – zu wenig ausgereift war die Technik zu dieser Zeit.

Das gilt besonders für die allerersten Anfänge im Jahr 1902, als der Brite Edward Raymond Turner die ungewöhnlichen Blumenkinder festhielt. Der Tüftler und Kameramann hatte im März 1900 das Patent für ein Verfahren erhalten, das die Produktion bewegter farbiger Bilder ermöglichte. Die Schwierigkeit dabei: Es gab damals noch kein Filmmaterial, das Farben festhalten konnte. Turner musste sich also mit einem Schwarz-Weiß-Film behelfen, den er bei der Aufzeichnung nacheinander durch einen roten, einen grünen und einen blauen Filter belichtete. Für jede der drei Farben wurde also ein separates Bild aufgenommen. Beim Abspielen des Films projizierte Turner dann alle drei Bilder durch Filter der jeweiligen Farbe gleichzeitig auf die Leinwand, wodurch wieder ein farbiges Bild entstand.

Die Technik funktionierte, jedoch nur im Prinzip: Da die drei Bilder für die drei Farben nicht gleichzeitig aufgenommen wurden, kam es bei bewegten Objekten zu Farbverschiebungen – ein Effekt, der bei den mit Blumen wedelnden Kindern deutlich zu beobachten ist. Die zweite und noch größere Schwierigkeit lag darin, die drei Bilder bei der Projektion sauber übereinander in Deckung zu bringen. Ein kommerziell nutzbares Verfahren wurde aus Turners Idee aus diesen Gründen nicht – zumal Turner wenige Monate nach der Produktion der ersten Filme im Alter von dreißig Jahren an einem Herzinfarkt starb.

Die ersten Technicolor-Verfahren erforderten spezielle Kameras und waren daher entsprechend teuer und aufwändig. Foto: Marcin Wichary, CC-Lizenz
Foto: Marcin Wichary

Ein kommerzieller Erfolg beschieden war hingegen dem von dem britischen Fotografen George Albert Smith 1906 entwickelten Kinemacolor-Verfahren: Es arbeitet wie auch Turners System mit farbigen Filtern – allerdings nur mit zweien: Pro Sekunde werden insgesamt 32 Bilder abwechselnd durch einen Rot- und einen Grünfilter belichtet. Gegenüber gewöhnlichen Schwarz-Weiß-Filmen, die mit 16 Bildern pro Sekunde arbeiteten, war daher die doppelte Geschwindigkeit nötig. Bei Abspielen bewegte sich eine Scheibe mit einem Rot- und einem Grünfilter über die Projektionslinse. Die verschiedenfarbigen Bilder wurden also nacheinander auf die Leinwand projiziert. Das Verfahren funktionierte so gut, dass seit 1909 viele Dutzend Kinemacolor-Filme produziert wurden und in vielen hundert Kinos in Großbritannien, aber auch in anderen europäischen Ländern und den USA die für die Projektion nötige Technik installiert wurde. Bis heute sind zahlreiche Filme aus dieser Epoche erhalten.

Die Schwachstelle des Verfahrens waren die rotierenden Scheiben mit den Farbfiltern: Sie machten die Kameras und Projektoren teuer und sie brachten auch hier das Problem mit sich, dass die Farben bei bewegten Objekten verwischten. Den nächsten Durchbruch brachte hier das sogenannte Technicolor-Verfahren, das 1917 in den USA erstmals vorgestellt wurde. Hier wurden das grüne und das rote Bild nicht nacheinander, sondern gleichzeitig aufgenommen: Hierzu befand sich ein Prisma hinter dem Objektiv, das das einfallende Licht in zwei Bildfenster aufteilte, die auch hier auf einen gewöhnlichen Schwarz-Weiß-Film gelenkt wurden. Bei der Projektion musste das grüne und das rote Teilbild über eine komplizierte Optik wieder zusammengesetzt werden.

Dieses Verfahren wurde Technicolor Process No. 1 genannt und war das erste in einer Reihe von Entwicklungsschritten, die das schließlich führende Unternehmen Technicolor bis in die 1950er-Jahre vorstellte. Beim 1922 entwickelten Verfahren Technicolor No. 2 gelang es erstmals, auf das Überblenden mehrerer Bilder zu verzichten. Die Aufnahme erfolgte dabei noch ähnlich wie beim ersten Verfahren über zwei Bildfenster. Daraus wurden zwei einzelne Filme hergestellt, die für die Projektion mit einem raffinierten Verfahren übereinander geklebt wurden. So entstand erstmals eine Art Farbfilm.

Im dritten Verfahren wurden die Herstellungstechnik und das Kopieren farbiger Filme weiter verbessert. Ein Meilenstein war das 1932 vorgestellte Verfahren No. 4, bei dem statt zwei nun drei Grundfarben eingesetzt wurden, womit sich erstmals alle erdenklichen Farben auf dem Film darstellen ließen. Bis dahin musste bei Filmproduktionen immer ein von Technicolor beauftragter Farbberater anwesend sein, der die Kleidung der Schauspieler und die Ausstattung der Filmsets auf die Tauglichkeit für die 2-Farben-Darstellung überprüfte. Bis heute der berühmteste im Verfahren No. 4 gedrehte Film ist das 1939 vollendete Monumentalwerk "Vom Winde verweht".

Während in den USA die Technicolor-Filme große Erfolge feierten, kamen im Nazideutschland sogenannte Agfacolor-Filme in die Kinos, darunter Streifen wie "Münchhausen" von 1943 mit Hans Albers in der Hauptrolle. Inzwischen hatten die Entwickler – wie hier von Agfa in Deutschland aber auch in den USA bei Eastman Kodak – den Schritt zum richtigen Farbfilm geschafft, der alle Farben auf einmal auf seine Oberfläche bannen konnte.

Die Mehrzahl der Filme sowohl in Europa als auch auf dem amerikanischen Kontinent wurde jedoch nach wie vor in Schwarz-Weiß gedreht. Das änderte sich erst im Lauf der 1950er-Jahre, als der Farbfilm schließlich alle wesentlichen technischen Hürden überwand und sich fast überall im Filmgeschäft durchsetzte – wo nicht, jetzt aus künstlerischen Gründen, Filme in Schwarz-Weiß bevorzugt wurden. Aber das ist wieder eine neue Geschichte. (ud)