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10.03.2004

Aus zwei Dimensionen werden drei: Das Farbsystem des Franciscus Aguilonius

Der Gelehrte schuf Anfang des 17. Jahrhunderts eine Ordnung der Farben, die ihrer Zeit weit voraus war

Der Physiker und Mathematiker Franciscus Aguilonius schuf Anfang des 17. Jahrhunderts ein Farbsystem, das modernen Farbsystemen in nichts nachsteht. Obwohl seine Ordnung wie ein zweidimensionales Schema aussieht, setzt es die Farben dennoch wie in modernen dreidimensionalen Systemen zueinander in Beziehung. Mit wenigen "Handgriffen" kann das Schema auch tatsächlich in ein dreidimensionales System verwandelt werden.

Das Aguilonius-System nach seiner Transformation in ein dreidimensionales System: Nach der Zusammenstauchung des zunächst entstehenden Körpers (links) entsteht ein kugelförmiger Farbkörper, der mit modernen Farbsystemen äquivalent ist (rechts)
Aguilonius-System

Auf den ersten Blick sieht das Farbsystem des Franciscus Aguilonius recht simpel aus: In einer zweidimensionalen Darstellung setzt Aguilonius die einfachen Farben Weiß, Gelb, Rot, Blau und Schwarz sowie die zusammengesetzten Farben Grün, Gold und Purpur zueinander in Beziehung. Äußere Punkte sind in seiner Anordnung Weiß und Schwarz. Die anderen Farben platziert er als mittlere Farben zwischen diesen beiden Polen. Alle übrigen Farben seien nach ihrer Ähnlichkeit dazwischen zu ordnen wie Mischfarben, schreibt der Gelehrte im dazugehörigen Text.

In seinem 1613 erschienenen Werk über die Optik beschreibt Aguilonius weiterhin, wie Weiß oder Schwarz mit den mittleren Farben "gefällige Verbindungen" eingehen und sie entweder verstärken oder abschwächen, jedoch nicht die Farbart verändern können. In der modernen Terminologie würde dies mit einer Änderung von Sättigung und Helligkeit bezeichnet werden. Erst bei einem Übergang von einer der mittleren Farben zur nächsten, benachbarten ändert sich der Farbton.

In Zusammenhang mit seinem Farbordnungssystem beschreibt Aguilonius auch drei Arten der Farbmischung und war sich deren tückischer Natur vermutlich wohl bewusst: Zunächst erwähnt er mit der Mischung von Farbstoffen die subtraktive Farbmischung, dann eine recht komplizierte Mischung von farbigem Licht und Farbstoffen und schließlich mit dem Konfettieffekt auch die additive Farbmischung.

Bei der Entwicklung seines Farbsystems hatte Aguilonius höchstwahrscheinlich die additive Farbmischung im Blick. Es ging ihm eigentlich nicht um Farbstoffe, sondern um die Farbwahrnehmung oder Farbempfindung: "Von jenen wahrgenommenen Arten von Farbe ist die Rede, die allein unser Geist von der Materie getrennt erfasst, und nicht von denen, die wir als Teil der Dinge sehen." Zudem unterstellt er, dass alle Farben wie Mischfarben nach ihrer Ähnlichkeit zwischen die Eingangsfarben geordnet werden können – bei der Mischung von Farbstoffen hätte er nicht davon ausgehen können, dass eine Mischfarbe tatsächlich so aussieht, als stünde sie zwischen ihren Ausgangsfarben.

Aguilonius hat in seinem zweidimensionalen Schema ein System aller möglichen Farbwahrnehmungen nach ästhetischen Kriterien geschaffen, das moderneren Farbsystemen in nichts nachsteht. Alle modernen Systeme sind jedoch dreidimensional, da sie die Ähnlichkeitsbeziehungen zwischen den Farben geometrisch abbilden. Doch Aguilonius flaches System lässt sich durch eine simple topologische Transformation umwandeln, wie Christoph von Campenhausen, emeritierter Professor der Universität Mainz herausgefunden hat. So entsteht ein dreidimensionales System, das die selben Nachbarschaftsbeziehungen der Farben untereinander besitzt.

Dazu stelle man sich am besten vor, dass die Bögen des Farbsystems aus biegsamem Draht bestehen und die vom weißen Pol ausgehenden Drähte unter denen des schwarzen Pols liegen. Die beiden Bögen zwischen Gelb und Rot und zwischen Rot und Blau werden nach oben weggeklappt, sodass die mittleren Farben nun eine leicht herzförmige Öffnung bilden (siehe Abbildung). Durch diesen Farbkreis kann nun der schwarze Pol hindurchgesteckt und nach unten gezogen werden. Nach Zusammenstauchung des daraus entstehenden Körpers ergibt sich ein dreidimensionales Farbsystem, das eine verblüffende Ähnlichkeit (siehe Abbildung) mit weit jüngeren Systemen wie zum Beispiel der Rungekugel aufweist.

Die Beziehungen zwischen den einzelnen Farben hat Aguilonius also genauso verstanden, wie sie auch in heutigen Farbsystemen dargestellt werden. Da das Denken in räumlichen Diagrammen 1613 noch nicht üblich war, sondern erst später entstand, wählte er für die Darstellung ein Netzwerk aus Verbindungslinien. Unklar ist, wie sehr der Maler Peter Paul Rubens, der mehrere Illustrationen in Aguilonius' Werk geschaffen hat, Einfluss auf die Konstruktion des Farbsystems genommen hat. Es spricht jedoch einiges dafür, dass Rubens an der Konstruktion der Zeichnung zumindest beteiligt war.