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07.12.2011

Bunt fürs Leben

Stabile Pigmente und die richtige Stichtechnik sind das Geheimnis langlebiger Tätowierungen

Das Geräusch erinnert an den Zahnarztbohrer – und das Aussehen der Tätowiermaschine ebenfalls. Tausend Mal pro Minute bewegt sich die feine Nadel darin auf und ab. Jedes Mal durchsticht sie dabei die Oberhaut und platziert eine kleine Menge Farbe in der Wunde. Unter den Händen des Tätowierers erblühen so Rosen auf Rücken, Kindergesichter auf Waden und Totenköpfe auf Oberarmen. Die – mehr oder weniger – künstlerischen Hautbilder können ein Leben lang halten – vorausgesetzt, der Tätowierer verwendet die richtige Farbzubereitung und die richtige Technik.

Bei Tätowierungen ist die richtige Tiefe für die Platzierung der Farbstoffe entscheidend. Foto: madphoenix*, Photocase.com
Tätowierung, Foto: madphoenix*, photocase.com

Ein Tätowierer – oder Tattoo-Künstler, wie sie sich selbst lieber nennen – hat mehrere Möglichkeiten, an seine Farben zu kommen: Er kann sie fertig bei spezialisierten Anbietern bestellen, sie über andere Tattoo-Studios beziehen oder sie selbst herstellen. Grundsätzlich ist die Zusammensetzung dabei immer ähnlich: Die Pigmente oder Farbstoffe selbst machen bis zur Hälfte der gebrauchsfertigen  Flüssigkeit aus, der Rest besteht aus dem Lösungs- oder Dispergiermittel (meist Wasser oder Alkohol) sowie einem Konservierungsstoff und verschiedenen Zusätzen, die die Eigenschaften der Flüssigkeit verändern sollen.

Da gibt es beispielsweise Substanzen, die die Benetzungseigenschaften verbessern. Das ist etwa bei organischen Farbmitteln in wässrigen Lösungen nötig, denn viele organische Verbindungen stoßen Wasser ab und verteilen sich nicht gleichmäßig in der Trägerflüssigkeit. Doch flächige Tattoos erfordern häufig solche Additive, da sie meist mit mehreren nebeneinander befestigten Nadeln gleichzeitig gestochen werden. Ist hier die Benetzung nicht ausreichend, zieht sich die Farbe nicht gleichmäßig zwischen den Nadeln hoch. Auch die Viskosität und die Tropfneigung der Farbsuspension lassen sich mithilfe von Additiven nach persönlichem Gusto einstellen.

Bei den Farbmitteln selbst setzen die meisten Tattoo-Künstler auf Pigmente – farbige Partikel, die sich nicht oder nur sehr schlecht in der Flüssigkeit lösen, in der sie verwendet werden, und die auch nicht sehr reaktionsfreudig sind. Das hat gleich mehrere Vorteile: Die Farben sind meist sehr brillant und bleiben es auch, weil die farbigen Verbindungen nicht durch Licht- oder Sauerstoffeinwirkung verändert werden. Zudem werden sie meist besser vertragen – schließlich behalten sie ihre chemische Immunität auch innerhalb der Haut. Eine Alternative sind Farbstoffe, die sich in Wasser oder Alkohol lösen lassen. Ihr Vorteil: Sie sind gleichmäßiger in der Tätowierflüssigkeit verteilt und benötigen kein zusätzliches Dispergiermittel, damit sie sich nicht absetzen. Nachteil: Sie sind chemisch sehr viel weniger stabil und neigen zum Verblassen, sowohl in der aufbewahrten Lösung als auch später in der Haut. Meist wird Farbstofflösungen daher ein Stabilisator wie beispielsweise Bariumsulfat zugesetzt.

Tattoos erregen große Aufmerksamkeit, werden sie an gut sichtbaren Stellen wie der Hand getragen. Foto: micaeltattoo, CC-Lizenz
Hand-Tattoo, Foto: micaeltattoo, CC-Lizenz

Die beliebteste Pigmentgruppe waren lange Zeit Metallsalze. Titandioxid für weiße Flächen, verschiedene Eisensalze für den rot-braunen Bereich und Kobaltblau für ein tiefes Azur werden auch heute noch eingesetzt. Bis etwa in die 1980er Jahre gehörten zur typischen Palette eines Tätowierers außerdem noch verschiedene Schwermetallsalze, etwa Chromoxide für Grüntöne und Quecksilbersulfid für Rot. Mittlerweile sind viele Metallverbindungen jedoch auch im Tattoo-Bereich von synthetischen organischen Pigmenten verdrängt worden, vor allem von Azopigmenten. Die Farbvielfalt ist hier sehr viel größer, die Verarbeitung einfacher – und sie sind weniger gesundheitsschädlich. Schwarze Linien und Flächen schließlich, die wohl häufigsten Erscheinungsformen von Tattoos, werden praktisch immer in "Carbon Black" ausgeführt, auf gut Deutsch: in Ruß.

Allerdings können die Farbmittel noch so stabil und farbstark sein – werden sie falsch in die Haut gebracht, ist das Ergebnis alles andere als schön. Ein Tätowierer darf beispielsweise nicht zu oberflächlich stechen, denn in diesem Fall lagert sich das Pigment lediglich in der Oberhaut ein. Da diese sich alle paar Jahre erneuert, verschwindet auch das Hautbild nach und nach. Dieser Effekt ist übrigens bei den sogenannten Bio-Tattoos oder auch beim Permanent-Make-up im Gegensatz zur klassischen Tätowierung durchaus gewollt.

Doch auch ein zu tiefer Stich ist Gift für das Tattoo – und für den Körper meist ebenfalls. Sobald die Tätowierfarbe nämlich in den Blutkreislauf gelangt, wird sie vom Immunsystem sofort als fremd erkannt und massiv bekämpft. Die Folge sind zum einen allergische oder entzündliche Reaktionen und zum anderen ein rasantes Verblassen des Bildes. Am haltbarsten sind Tätowierungen, wenn der Künstler die Farbpartikel exakt in der Dermis, der mittleren Hautschicht, platziert. Während des Heilungsprozesses, der zwischen einer und drei Wochen dauert, werden sie dort von körpereigenen Zellen verkapselt und bleiben so in den Folgejahren im Allgemeinen unbehelligt vom Immunsystem oder dem Stoffwechsel – es sei denn, man traktiert sie mit einem Laser.

Trotz einer 2009 erlassenen Tätowiermittelverordnung ist nach wie vor häufig nicht eindeutig, welche Mittel gefahrlos für Tattoos verwendet werden können. Foto: Philo Nordlund, CC-Lizenz
Tattoo-Farben, Foto: Philo Nordlund, CC-Lizenz

Denn das ist nach heutigem Wissen die einzige einigermaßen zuverlässige Methode, eine unliebsam gewordene Tätowierung wieder loszuwerden. Das Prinzip: Der Laser erhitzt das in der Haut eingelagerte Pigment für kurze Zeit auf mehr als 700 Grad Celsius. Dadurch können verschiedene Reaktionen ausgelöst werden – was jeweils genau passiert, hängt vom verwendeten Pigment, der Körperstelle und wahrscheinlich auch noch einer Reihe weiterer Faktoren ab, die bisher kaum bekannt sind. Praktisch immer zerstört die Hitze die Kapseln, in der die Partikel eingeschlossen sind. Dadurch werden diese freigesetzt und können von der körpereigenen Müllabfuhr abtransportiert werden. In manchen Fällen spaltet der Laser auch das Farbstoff- oder Pigmentmolekül häufig in farblose Bruchstücke, sodass die behandelte Stelle verblasst. Manchmal scheinen die Partikel auch regelrecht zu explodieren – sie werden in feinste Fragmente pulverisiert, die nicht mehr so gut sichtbar sind.

Es gibt allerdings ein Problem: Welche Nebenwirkungen beim Entfernen von Tattoos auftreten können, ist nahezu unbekannt. Das gilt auch für mögliche gesundheitliche Langzeitrisiken des Tattoos selbst. Es gibt seit Mai 2009 zwar eine Tätowiermittelverordnung, auf der eine Reihe von Farbmitteln aufgeführt ist, die nicht verwendet werden dürfen. Bei nahezu allen anderen Pigmenten ist für den Tätowierer aber völlig unklar, ob sie einfach noch nicht getestet wurden oder ob sie sicher sind – wenn er denn überhaupt weiß, was in seinen Farben alles enthalten ist. Additive und Konservierungsmittel sind gar nicht offiziell erfasst. Dabei ist die Menge an Farbe, die ein Tätowierter unter der Haut trägt, gar nicht mal so unerheblich: Laut einer Umfrage der Universität Regensburg an 4.500 Freiwilligen ist die tätowierte Fläche im Schnitt etwa so groß wie ein DIN-A4-Blatt – das entspricht bei ein bis zwei Milligramm Pigmenten pro Quadratzentimeter Haut zwischen 0,3 und 0,8 Gramm Farbe. (ilb)