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24.03.2010

Das blaue Band flattert wieder

Zeichen des Frühlings und Preis für schnellste Atlantiküberquerung: Die farbige Metapher hat ganz gegensätzliche Bedeutungen

"Frühling lässt sein blaues Band, wieder flattern durch die Lüfte...." Luftig leicht beginnt eines der bekanntesten deutschen Dichtungen überhaupt, Eduard Mörikes 1838 erschienene Frühlingsgedicht "Er ist's". Generationen von Schülern haben es auswendig gelernt. Mancher dürfte sich dabei jedoch gefragt haben, welches Band denn Mörike da gemeint haben könnte. Und warum sollte sich der Frühling gerade mit der Farbe Blau zurückmelden?

Blau und Frühling: Diese Verbindung wird in Dichtung und Literatur immer wieder hergestellt. Foto: blindguard, Photocase.com
Foto: blindguard, Photocase.com

Blauer Himmel, laue Luft, Fröhlichkeit: Genau diese Assoziationen weckt der Dichter mit seinen Einstiegszeilen, und damit erfüllt das "blaue Band" für Mörike bereits seinen Zweck. "Blau" steht also für den Himmel und die klare, frische Luft des Frühlings, und ergibt obendrein in Kombination mit dem "Band" einen schönen Stabreim. Jenes Bild eines Bandes war zu Zeiten Mörikes als Zeichen des Jahreslaufs weit verbreitet. So stand das gelbe Band für den Sommer und das rote für den Herbst.

Die Farbe Blau wird vier Zeilen weiter erneut aufgegriffen, auch hier wieder in einer Personifizierung: "Veilchen träumen schon, wollen balde kommen. Horch, von fern ein leiser Harfenton!" Die blauen Blumen kündigen also hier ihre baldige Blüte an. Und das Blau löst zudem auch die Assoziation der Ferne aus, aus welcher dann der leise Harfenton zu hören ist. Der Frühling geht hier also in mehrfacher Weise eine Verbindung zur Farbe Blau ein – eine Verbindung, die auch der Publizist Kurt Tucholsky fast hundert Jahre später in seinem Essay "Die fünfte Jahreszeit" hergestellt hat. Darin drückt er mit folgendem verächtlichen Satz seinen Widerwillen gegen den Frühling aus: "Alles ist hellblau und laut."

Das "blaue Band" ist jedoch nicht nur als Zeichen des Frühlings, sondern in anderer Bedeutung sogar gleich mehrfach in die Geschichte und ins kollektive Gedächtnis eingegangen: Das "Blaue Band des Atlantiks" (Blue Riband of the Atlantic) hieß eine Auszeichnung, die seit den 1860er Jahren immer jenem Schiff verliehen wurde, das als schnellstes den Atlantik in Ost-West- oder in West-Ost-Richtung überquert hatte. In einer Zeit, in der sich die Dampfschifffahrt rasant entwickelte und in der ein solcher Rekord den Reedereien einen großen Prestigegewinn verschaffte, war das blaue Band eine begehrte Auszeichnung.

Es existierte allerdings nur auf dem Papier der Tageszeitungen und Magazine beidseits des Atlantiks. Eine übergeordnete Stelle oder gar eine Jury, die ein solches Symbol einem Kapitän oder Reeder hätte aushändigen können, gab es nicht. Doch die Chronisten registrierten sehr genau, wo sich der virtuelle Preis gerade befand: Ging er lange zwischen den USA und Großbritannien hin und her, hatten ihn im Lauf der Geschichte französische, italienische und nicht zuletzt auch deutsche Seefahrer inne.

Blaue Bänder wurden in den 1950er Jahren auch am Bodensee verliehen: Hier ging es um die im Vergleich zur Atlantiküberquerung eher bescheidene Strecke zwischen Lindau und dem gegenüberliegenden, auf österreichischem Staatsgebiet liegenden südlichen Seeufer. Das "Blaue Band der Weser" hingegen existiert bis heute und bezeichnet eine alle zwei Jahre stattfindende Großveranstaltung von Wassersportvereinen mit Wettkämpfen unter anderem im Rudern, Schwimmen, Kanufahren und mit Drachenbooten. Ein "Blaues Band" gibt es schließlich auch in Sachsen-Anhalt: Die Fremdenverkehrsverbände werben mit einem entsprechenden Emblem für den Wassertourismus an den Flüssen und Seen ihres Bundeslandes. (ud)