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27.07.2011

Der Rote Faden zieht sich bis nach England

Was die bekannte Redewendung mit Goethe und der britischen Marine zu tun hat

"Wir hören von einer besonderen Einrichtung bei der englischen Marine. Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte, vom stärksten bis zum schwächsten, sind dergestalt gesponnen, daß ein roter Faden durch das Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind, daß sie der Krone gehören." Mit diesen Zeilen setzte kein geringerer als Johann Wolfgang von Goethe in seinem Werk "Wahlverwandtschaften" die Redewendung vom Roten Faden in die Welt, die sich seither wie ein solcher durch die deutsche Sprache zieht – bis hinunter in die Niederungen der Alltagssprache.

Wie ein Roter Faden zieht sich das Sprichwort des Roten Fadens durch die deutsche Sprache. Foto: NormanBates, Photocase.com
Faden,  Foto: NormanBates, Photocase.com

Goethe gilt zwar als der Urheber dieser Redewendung, der erste Autor, der einem Faden zu literarischen Ehren verhalf, ist er freilich nicht. Bereits in der griechischen Mythologie tauchen Fäden auf: Ariadne gab dem Helden Theseus einen Faden mit, damit er aus dem Labyrinth in Knossós wieder herausfinden konnte, nachdem er den dort eingesperrten Minotaurus – ein Mischwesen aus Mensch und Stier – getötet hatte. Welche Farbe dieser Ariadnefaden hatte, darüber gehen die Aussagen auseinander: In manchen Quellen ist von einem roten Faden die Rede, doch es gibt auch Darstellungen mit einem weißen Garn. Das ebenfalls berühmte Damoklesschwert jedoch hängt entgegen der landläufigen Meinung nicht an einem seidenen Faden, sondern an einem Pferdehaar.

Ein roter Faden taucht sogar im Alten Testament auf: Im 1. Buch Mose wird davon berichtet, wie der Erstgeborene mit einem roten Faden markiert wurde: "Und als sie gebären sollte, siehe, da waren Zwillinge in ihrem Leibe. Und als sie gebar, kam eine Hand heraus; da nahm die Hebamme einen roten Faden und band ihn darum und sprach: Der ist zuerst herausgekommen."

Das Tauwerk der britischen Marine galt lange Zeit als besonders hochwertig. Foto: Gräfin, Photocase.com
Tauwerk,  Foto: Gräfin, Photocase.com

Doch ehe wir ganz den Faden verlieren: Dass die britische Marine ihre Taue mit einem eingesponnenen roten Garn markierte, ist eine militärhistorische Tatsache, die immer wieder Erwähnung findet. In dem 1769 von dem Dichter und Gelehrten William Falconer herausgegebenen Lexikon "Universal dictionary of the marine" findet der rote Faden bereits Erwähnung. "Rogues Yarn" wird er schon dort genannt, was soviel wie "Schurkenfaden" heißt – hatte er doch vor allem den Sinn, Diebstähle und Hehlerei des als besonders hochwertig geltenden Materials zu verhindern. Ob der Faden angesichts der Imprägnierung aus Teer, die häufig auf die Taue aufgetragen wurde, tatsächlich einen wirkungsvollen Schutz gegen Diebstahl bot, sei einmal dahingestellt.

Ursprünglich waren neben roten auch blaue und gelbe Fäden im Einsatz, je nachdem, wo die Schiffe ausgerüstet worden waren. Doch prominent ist nur der rote Faden geworden. So erklärte Großadmiral von Tirpitz – im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts eine prägende Figur der Deutschen Marine – mit neidvollem Blick nach England: "Wenn eine Maschine sicher und ohne Störung arbeitete, ein Tau oder eine Kette nicht riss, dann war es bestimmt kein heimisches Werkstück, sondern ein Fabrikat aus englischen Werkstätten, ein Tau mit dem berühmten roten Faden der britischen Marine." (ud)