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09.02.2005

Die Laus im scharlachroten Lippenstift

Wie ein Parasit zum begehrten Farmtier für die Färbeindustrie wurde

Eigentlich sind sie nur Saft saugende Parasiten, doch mit Cochenille- und Kermesläusen lassen sich wasserlösliche, bitter schmeckende, leuchtend rote Farbstoffe herstellen. Das Farbspektrum reicht vom Karmin- bis zum Scharlachrot. Früher auf riesigen Kakteenfarmen gezüchtet, finden sich heute die zermahlenen Läuse nur noch in einigen natürlich gefärbten Stoffen und Lebensmitteln wie Campari und Lippenstift wieder.

Früher als Farbstoff heiß begehrt findet das aus der Kermeslaus gewonnene intensive Rot heute nur noch in Lippenstiften, Gummibärchen und Campari Verwendung.

Schon in der Bibel wird sie als "Scharlachbeere" erwähnt, doch in Wirklichkeit ist sie ein Tier: die Kermeslaus. Sie lebt im Mittelmeerraum als Parasit auf der Kermeseiche. Mit ihr färbten die Ägypter, Griechen und Römer feine Stoffe wie Wolle und Seide sowie Leder in einem herrlichen Rot. Für grobe Stoffe tat es auch das billigere, weniger farbintensive Krapp aus der gleichnamigen Pflanze. Denn ähnlich wie das Purpurrot konnten sich nur wenige diesen leuchtenden Farbton leisten, da für einen Mantel oder ein Kleid Tausende der stecknadelkopfgroßen Schildläuse eingesammelt werden mussten – eine sehr zeitintensive Arbeit, da dazu viele Kermeseichen nach den Läusen abgesucht werden mussten. Die Kermesläuse wurden dann abgepflückt, in der Sonne getrocknet, gemahlen und über Nacht in Wasser eingeweicht.

Einen richtigen Boom erlebte das Karminrot mit der Eroberung Amerikas durch die Spanier. Sie brachten ab 1532, nach der Unterwerfung der Azteken, die amerikanische Cochenillelaus von Mexiko nach Europa. Und die auf den Opuntien genannten Feigenkakteen lebende Verwandte der Kermeslaus entwickelte sich neben Gold und Silber zum wahren Exportschlager der Spanier. Mit ihrem höheren Farbstoffgehalt verdrängte die Cochenillelaus bald die heimische Kermeslaus.

Ab 1824 wurden sogar auf den Inseln Lanzarote und Fuerteventura eigens Kakteen für riesige Lausfarmen gepflanzt. Noch im Jahr 1870 exportierten die Kanarischen Inseln 3.000 Tonnen Cochenille. Mit der Entdeckung der künstlichen Farbstoffe brach der Läusemarkt jedoch zusammen. Inzwischen ist die Cochenillelaus auf den Kanarischen Inseln gemeinsam mit ihren stacheligen Wirtspflanzen überwiegend verwildert.

Als natürlicher Farbstoff kommt Cochenille heute hauptsächlich aus Peru, Mexiko, Guatemala und Honduras. Daneben gibt es zwei weitere Läusearten im Handel: die polnische Cochenille aus Polen, der Ukraine, Kleinasien und dem Kaukasus, und die aus Armenien und Aserbaidschan stammende armenische Cochenille. Die Laus wird gelegentlich noch als Lebensmittelfarbstoff namens E120 für Campari oder Gummibärchen verwendet. Es ist damit der einzige Lebensmittelfarbstoff tierischer Herkunft. Da der Läusefarbstoff dadurch aber auch Allergien auslösen kann, wird er heute größtenteils durch das künstlich hergestellte Carmin ersetzt, zum Beispiel als E124 in Gummibärchen. Häufiger kommt der Farbstoff noch als kräftiges Rot in Lippenstiften und als Färbemittel in der Mikroskopie vor. Mit Cochenille lassen sich auch Ostereier gut anfärben.

Cochenille ist in unterschiedlichen Formen im Handel. Dabei bestimmt die Verarbeitung das spätere Aussehen: In der Sonne getrocknet, werden die Läuse grau und heißen dann "Grana grisea", werden sie hingegen durch kochendes Wasser getötet, geht ihre äußere Wachsschicht verloren und sie sehen dann glänzend rötlich schwarz oder braun aus. Sie sind dann unter der Bezeichnung "Grana negrilla" im Handel. Sind die Läuse durch Schwefeldämpfe getötet und in Öfen getrocknet worden, so ist die Cochenille weiß und heißt dann "Silbercochenille", "silberglänzendes Jaspeada" oder auch "Grana jaspeada".

Der ursprünglichen Farbgewinnung fallen übrigens nur die Weibchen zum Opfer. Die mit Flügeln ausgestatteten Männchen fliegen frei von Läusekolonie zu Läusekolonie, sterben jedoch kurz nach der Befruchtung, das sie keine Nahrung zu sich nehmen. Das Saft saugende Lausweibchen legt nach der Befruchtung über 16 Tage hinweg rund 400 Eier täglich in einem weißen Belag auf die Blätter. Danach stirbt es ab. Seine Körperhülle verbleibt als schützendes Schild über den Eiern.

Nach 75 Tagen ist der Nachwuchs soweit, selbst Eier zu legen. Kurz vor der Eiablage werden die Weibchen in Leinenbeuteln gesammelt, so dass die Eier durch das weitmaschige Gewebe wieder auf die Pflanzen gelangen. Auf diese Art und Weise können jährlich bis zu 400 Kilogramm Läuse pro Hektar eingesammelt werden. Das entspricht etwa 60 Millionen Tieren, denn 150.000 Tiere wiegen etwa ein Kilogramm. Getrocknet wiegen sie jedoch nur noch ein Drittel. Für ein Kilogramm gefärbte Wolle müssen rund 100 Gramm Läuse ihr Leben lassen.