26.11.2014

Entwerfen mit der Kraft der Farbe

Mit seinen farbigen Bauten hat der Münchner Architekt Otto Steidle Architekturgeschichte geschrieben

David gegen Goliath: Dieser Gedanke kam dem Münchner Architekten Otto Steidle, als er Mitte der 1990er-Jahre den Auftrag erhielt, in der Leopoldstraße in München-Schwabing ein kleines Wohn- und Geschäftshaus zu errichten – gleich neben einem großen Kaufhaus mit viel grauem Glas. Steidle fand einen Weg, dem kleinen bürgerlichen Haus die Kraft zu geben, sich gegen den mächtigen Nachbarn zu behaupten: Er ließ das Haus in einem sonnigen und doch modernen Gelb streichen. Das Gebäude ist nur ein Beispiel, wie der im Februar 2004 verstorbene Architekt mit dem bewussten Einsatz von Farbe seinen Entwürfen eine ganz besondere Kraft verliehen hatte.

Beim Bau der Universität West in Ulm hat Otto Steidle auf das Wissen seines Künstlerfreundes Erich Wiesner zurückgegriffen. Foto: Christian Senger, CC-Lizenz
Uni Ulm. Foto: Christian Senger, CC-Lizenz

In dem Haus in der Münchner Leopoldstraße sah Steidle nicht nur ein Gebäude, sondern auch ein farbiges Objekt, wie er ein Jahr vor seinem Tod auf einem Symposium in Leipzig berichtete. "In dem Haus Leopoldstraße ist alles Gelb. Da sind die Fensterstücke gelb, das Vordach gelb, alle Fassadenteile gelb." Gepasst habe es jedoch erst, als das richtige Gelb gefunden war. So konnte ein einzelnes Haus einen ganzen Straßenzug prägen.

Bei dem Entwurf von Farbkonzepten und der Auswahl von Farben verließ sich Steidle gerne auf befreundete Künstler. "Ich lerne Farbe von allem, was zu sehen ist, und besonders – nicht zuallererst von der Natur, sondern von den Malern", formulierte es Steidle: "Für mich ist die Malerei die unmittelbare Instanz der Farbe."

Der Wohnturm auf der Theresienhöhe gehört zu Otto Steidles bekanntesten Entwürfen. Foto: Maximilian Dörrbecker, CC-Lizenz
Theresienhöhe. Foto: Maximilian Dörrbecker, CC-Lizenz

Besonders eng war die Zusammenarbeit mit dem Berliner Bildhauer und Gestalter Erich Wiesner. Mit ihm gestaltete er Ende der 1980er-Jahre die "Universität West" in Ulm, ein Bau, dessen Zentralkörper zunächst vor allem durch seine endlos scheinende Länge beeindruckt: Als fast 400 Meter langes dreigeschossiges Gebäude verbindet es die Labor-, Verwaltungs- und Lehrgebäude der ingenieurswissenschaftlichen Institute miteinander. Es wirkt dabei nicht wie ein Bollwerk, sondern erhält durch eine Holzskelett-Konstruktion auch eine gewisse Leichtigkeit.

Erich Wiesner entwickelte mit Otto Steidle dafür ein Farbkonzept, bei denen "die monochromen Begierden zugunsten farbiger Schwingungsfelder geopfert" wurden, wie Wiesner später erklärte: In fein ausbalancierten Sprüngen wandelt sich der Farbton der oberen beiden Stockwerke von hellem Gelbgrün bis zum Hellblau – unterbrochen von blaugrünen und dunkelblauen Farbflächen und immer wieder ergänzt durch leuchtend rote, gelbe, orange oder grüne Einsprengsel.

Die Neubau der KPMG Hamburg ist von den klassischen norddeutschen Klinkerfassaden inspiriert. Foto: Hannes Grobe, CC-Lizenz
KPMG Hamburg. Foto: Hannes Grobe, CC-Lizenz

Architekturgeschichte geschrieben hat Steidle auch mit dem Wohnturm der Theresienhöhe in München, wo der Architekt nicht zuletzt durch die Farbe neu definiert hat, was ein Wohnblock darstellen kann: "Der Turm sollte ein warmer Ofen sein in diesem ganzen Quartier, ein Bezugspunkt", lautete sein Anspruch an das Gebäude. Umgesetzt hat er es in einem Baukörper, der durch die vorgesetzten, gegeneinander versetzten Balkone eine Verspieltheit gewinnt, die an italienische Stadthäuser erinnert. Der Einsatz von Rot- und Gelbtönen unterstreicht diesen Charakter und macht den Turm tatsächlich zum Wärme spendenden Zentrum des Viertels.

Ganz andere Wege ging Steidle bei dem 2002 errichteten Firmengebäude des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens KPMG in Hamburg: Hier schuf er eine Fassade aus dem in Norddeutschland typischen Ziegelstein. Dabei kombinierte er die verfügbaren Farben – verschiedene Rottöne, Anthrazit und Hellgrau – zu Mustern, die dem Gebäude eine geradezu grafische Oberfläche verleihen. Auch hier berief sich Steidle auf die Vorarbeit eines Künstlers: Eine Grafik des 1977 verstorbenen Malers Blinky Palermo hatte ihn zu dem Entwurf inspiriert.

An ein textiles Muster erinnert die Fassade des Erweiterungsbaus des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven. Foto: Hannes Grobe, CC-Lizenz
AWI Bremerhaven. Foto: Hannes Grobe, CC-Lizenz

Ebenfalls als Ziegelbau ausgeführt, diesmal mit glasierten Steinoberflächen in Schwarz, Weiß und Grau, ist der Neubau des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven, dessen Fertigstellung 2004 Otto Steidle nicht mehr erlebt hat. Durch die Kombination dieser Farbtöne entstand eine Fassadenoberfläche, die an einen gewebten Stoff erinnert und dem Gebäude ein unverwechselbares Gesicht gibt.

"Es soll sich drehen" – diesen Wunsch hatte Otto Steidles Freund Erich Wiesner zum Farbkonzept der Universität Ulm gesagt: Farbe sollte dem Gebäude Energie geben und die Gestalt des Hauses zum Leuchten bringen. Genau dies ist überall da zu spüren, wo Otto Steidle seine architektonische Handschrift hinterlassen hat. (ud)