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16.12.2009

Farbe und Form sind nur vermeintlich eine Einheit

Beide Kategorien der Wahrnehmung werden im Gehirn erst bei der Verarbeitung zusammengesetzt

Wie nimmt ein Mensch einen roten Ball wahr, der auf ihn zurollt? Intuitiv würde jeder sagen, als eine Einheit, eben als roten, rollenden Ball. Doch zuvor hat das Gehirn gleich mehrere Wahrnehmungsleistungen vollbracht: Es registriert, dass sich da etwas Rundes bewegt, es bemerkt die Bewegung des Objekts und trifft zudem die Entscheidung: Dieser Ball ist rot. Doch wie hängen diese Kategorien der Wahrnehmung zusammen? Sind sie gleichwertig und voneinander unabhängig? Diese Fragen stellten sich amerikanische Psychologen und fanden in Experimenten mit Freiwilligen heraus: Farbe und Form sind selbstständige Kategorien, die erst im Verlauf des Wahrnehmungsprozesses miteinander verknüpft werden.

Farbe und Form scheinen intuitiv untrennbar miteinander verknüpft. Aber in Wirklichkeit handelt es sich um zwei zunächst voneinander unabhängige Kategorien. Foto: Hennimac, Photocase.com
Foto: Hennimac, Photocase.com

Die Wissenschaftler Steven Shevell und Sang Wook Hong von der Universität von Chicago nutzten für ihre Tests ein beliebtes Täuschungsmanöver der Wahrnehmungspsychologie: Sie verwirrten das Gehirn mit widersprüchlichen Informationen, indem sie dem rechten Auge ein anderes Bild zeigten als dem linken. Sieht beispielsweise das rechte Auge einen roten Kreis, das linke hingegen einen grünen, blendet das Gehirn eine der beiden Informationen einfach aus – schließlich ist es ja gewohnt, dass ein Objekt identisch aussieht, egal, ob es mit dem rechten oder dem linken Auge betrachtet wird. Der Proband sieht dann entweder einen roten oder einen grünen Kreis, manchmal auch beides im Wechsel nacheinander.

Dieses "Reise-nach-Jerusalem-Prinzip", wie Shevell und Hong es nennen, nutzten die beiden Psychologen auch in ihren Tests. Sie zeigten ihren Probanden jedoch keine roten und grünen Kreise, sondern Streifenmuster: Während in einem Versuch das rechte Auge vertikale, grüne Streifen auf grauem Grund zu sehen bekam, blendeten die Forscher auf dem linken Auge rote, horizontale Streifen ein. Auf diese Weise wollten die Wissenschaftler herausfinden, wie die Wahrnehmung der beiden Kategorien Form – hier also die Ausrichtung der Streifen – und Farbe miteinander verknüpft ist.

Das Ergebnis der Tests war überraschend: Das Gehirn der Probanden unterdrückte den Widerspruch in den Formen, sodass die Probanden entweder vertikale oder horizontale Streifen wahrnahmen. Für den Widerspruch der Farben fand es hingegen einen anderen Ausweg: Es ersetzte den grauen Hintergrund der Streifenmuster jeweils durch die vom anderen Auge wahrgenommene Farbe. Statt einem Muster vertikaler grüner Streifen auf grauem Grund sahen die Probanden nun entweder ein vertikales Streifenmuster aus roten und grünen Streifen oder ein Muster horizontaler grüner und roter Streifen.

Diese Beobachtung zeigt: Die Wahrnehmung der Farbe ist nicht direkt an die Wahrnehmung der Form gekoppelt, denn sonst hätte das Gehirn in den Tests die Widersprüche in der Farbe gleichermaßen unterdrückt wie die in der Form. Neben der Form besitzt die Farbe eines Objekts im Gehirn also eine eigene und unabhängige Kategorie der Wahrnehmung. Auch wenn der Mensch beide Eigenschaften als eine Einheit empfindet, wie das Beispiel des rollenden Balls zeigt, steht diese vermeintliche innige Verbindung doch erst am Ende eines aufwendigen Wahrnehmungsprozesses. (ud)