02.04.2008

Hell und Dunkel als zentrale Größen der Farbordnung

Das 1646 vorgestellte Farbsystem des Athanasius Kircher umfasst nur wenige Farben – doch enthält es bereits ein zentrales Element künftiger Systeme

Er war einer der größten Gelehrten seiner Zeit. Über vierzig Bücher hat er geschrieben, und in seinem langen Wissenschaftlerleben befasste er sich auch intensiv mit dem Phänomen Farbe: Die Rede ist von Athanasius Kircher, einem deutschen Universalgelehrten, der 1646 das Buch "Ars magna lucis et umbrae" ("Die große Kunst von Licht und Schatten") schrieb. In diesem Werk stellte er ein Farbsystem vor, in dessen Zentrum der Übergang vom Hell zum Dunkel steht – ein Ansatz, der erst wieder in Farbsystemen des 20. Jahrhunderts auftaucht.

Grafik: ud

Im Jahr 1602 in Geisa in der Rhön geboren, arbeitete Kircher als Wissenschaftler und Lehrer unter anderem in Würzburg, Avignon und Rom und befasste sich mit Fragen aus der Medizin, Geschichte, Geologie, Kosmologie, Musik und vielen Gebieten mehr. Seine Betrachtungen über das Wesen von Licht und Farbe führten ihn zu der Erkenntnis, dass Farben "des Lichts und des Schattens echte Ausgeburt" seien, wie er in seinem Buch schreibt. Farbe sei demnach "beschattetes Licht", glaubte der Gelehrte: "Alles, was sichtlich in der Welt ist, ist es nur durch ein schattiges Licht oder einen lichten Schatten."

Seine Farbordnung geht daher von einer Geraden aus, die von Weiß zum Schwarz führt. Auf dieser Geraden liegen die drei Grundfarben Gelb, Rot und Blau. Jede dieser Grundfarben ist durch einen halbkreisförmigen Bogen mit dem Weiß und dem Schwarz verbunden. So entsteht ein Muster aus verschiedenen großen Halbkreisen, die sich mehrfach schneiden.

In den Schnittmengen dieser Halbkreise stehen Mischfarben. So befindet sich beispielsweise Purpur in der Fläche, die durch die von Rot zu Schwarz und von Blau zu Weiß führenden Halbkreise gebildet wird. Grün steht zwischen Blau und Gelb – entsprechend der Erfahrung, dass Grün durch subtraktive Farbmischung aus diesen Farben entsteht. Braun steht zwischen Gelb und Schwarz, Dunkelblau zwischen Blau und Schwarz, Gold zwischen Gelb und Rot.

Dieses einfache System umfasst so zwar nur sehr wenige Farben. Doch mit dem Ansatz, Weiß und Schwarz als Grundfarben der Farbordnung anzusehen und damit die Helligkeit als grundlegenden Faktor von Farbe zu betrachten, hat Kircher weit vorausgeschaut. Dieser Übergang von Hell nach Dunkel fehlt bei den Farbordnungen, die in den folgenden Jahrhunderten entstanden sind. Erst im 20. Jahrhundert taucht dieses Prinzip wieder auf, beispielsweise beim HLC-System oder dem Natural Colour System. (ud)