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15.09.2010

Historische Farbigkeit

Bei der Gestaltung des Fachwerks haben sich in Deutschland von Nord nach Süd zahlreiche Varianten etabliert

Touristen durcheilen begeistert die bunten Fachwerkstädte des Harzes, sind angetan vom alten Gemäuer und Gebälk in Rothenburg ob der Tauber oder sie schwärmen von der historisch geprägten Stadt Colmar im Elsass. Gemeinsam ist diesen Städten das Fachwerk. Von schlichtem Schwarz, dezentem Grau bis hin zu sattem Rot haben sich hierbei quer durch Deutschland im Lauf der Geschichte eine Fülle von Gestaltungsvarianten etabliert.

Fachwerk ist das dominierende Element in vielen historischen Altstädten Deutschlands. Foto: Karl Nagel
Fachwerk-Ornamente
Vielerorts hat sich sogar eine formen- und farbenreiche Fachwerk-Ornamentik entwickelt. Foto: Karl Nagel
Fachwerk-Ornamente Nahaufnahme

Das Fachwerk ist eine Skelettbauweise altgermanischen Ursprungs aus tragenden Ständern, waagerechten Balken und schrägen Versteifungen aus Eiche, in neuerer Zeit auch aus Fichtenholz. Die Felder, Gefache genannt, wurden mit einem Flechtwerk und Lehm ausgebildet, später ausgemauert, und als Sichtmauerwerk belassen oder überputzt. Über Generationen hinweg wurden diese überputzten Gefache mit Kalkmilch getüncht. Heute werden moderne Anstrichstoffe eingesetzt, die jedoch ähnlich diffusionsfähig sind. Die Beschichtung der Balken, die ursprünglich in einigen Gegenden sogar mit Teer vorgenommen wurde, wird heute entweder mit lösemittel- oder mit wasserbasierten Anstrichstoffen ausgeführt. Ziel bei der Beschichtung ist in jedem Fall, dass vom Fachwerk wenig Wasser aufgenommen wird und aufgenommene Feuchtigkeit baldmöglichst wieder entweichen kann.

Während in den schmucken Städten und Dörfern des Sauer- oder Siegerlands eine schlichte schwarz-weiße Fachwerkkultur dominiert, trifft man im benachbarten Hessen auf eine farbige, aber nicht bunte Fachwerkwelt, deren überputzte Ausfachungen, besonders im Marburger Land, ornamental reich geschmückt sind, kunstvoll oder naiv. Bauleute betrachten ohnehin den Fachwerkbau als ein Ornament, welches durch das Fachwerk, die Gefache und sonstige Zier, einschließlich geschnitzter Symbolikelemente, zu einem Gesamtkunstwerk zusammengeführt wird.

Im Norden der Republik wird gern das Fachwerkholz, nämlich das der Marschhäuser, weiß gestrichen. Die Ausfachungen bestehen dann oft aus Ziegelmauerwerk in einer gediegenen Schmuckformation nach der Manier des Spätbarocks. Dass dies jedoch nicht für den übrigen niederdeutschen Raum gilt, beweisen Städte wie Alfeld, Duderstadt, Einbeck, Hameln, Hannoversch-Münden, Hildesheim oder Quedlinburg. Eindrucksvolle Gebäude der Gotik und der Renaissance sind hier zu entdecken. Die Bauten zeigen häufig einen mittel- oder dunkelgrauen Anstrich auf dem Ständer- und Balkenwerk, bis hin zum Schwarz. Rot und Ocker tauchen ebenfalls, aber seltener auf. Die Gefache erscheinen meist in einem vergrauten Weißton. Die Weserrenaissance als Sonderbauweise mit ihrem für die Renaissance untypischen, meist farbigen, üppigen Schmuck wie Fächerrosetten, Tauwerk und Ranken, ist hier zu Hause.

In der Mitte Deutschlands zeichnen sich neben Marburg Städte wie Alsfeld, Frankfurt, Fulda und Limburg, aber auch kleine Dörfer als Standorte des mitteldeutschen Fachwerks aus. Hier herrschen im konstruktiven Bereich die Farbtöne mit der irreführenden Bezeichnung "Ochsenblut" vor, aber auch ein recht sattes Rot ist gegenwärtig. Das Schwarz ist ebenfalls anzutreffen, aber auch ein gediegenes Blaugraun und die grünliche Umbra als Erdfarbe.

Die Ausfachungen sind auch hier nie in einem reinen Weiß angelegt, dieses ist stets verhüllt. Der Maler benötigt speziell in dieser Gegend Malstock und Strichzieher, nicht um das Holzwerk beim farbigen Anlegen geradlinig über die Gefächerränder hinweg zu beschneiden – eine Unsitte der vorigen Jahrzehnte –, sondern um Begleitbänder und Begleitstriche in unbunten, aber auch bunten Farben bis hin zum Mennigefarbton anzubringen. Die herausragenden Fachwerkbauten Mitteldeutschlands sind wiederum der Gotik und der Renaissance zuzuordnen.


Das Fachwerk des Südens, geschichtlich Oberdeutschland genannt, zeigt sich wie folgt: Die Holzkonstruktionen sind in den Farbtönen "Ochsenblut", Rotbraun, Ocker und Grau gefasst. Die Farbfassung der Gefache offenbart sich nicht nur im Altweiß, es sind blasse Orangetöne, ausgemischtes Rosa, Ocker und viele Beige-Variationen anzutreffen. Begleitstriche werden eingesetzt, aber nicht so ausgeprägt wie in Deutschlands Mitte. Bauwerke der Gotik, der Renaissance und besonders des Barocks mit seinem spinnennetzartigen Fachwerk sind Beispiele für die ausgefachte Ständerwerkbauweise, besonders des Neckargebiets, Schwabens, Frankens und weiten Teilen Bayerns.

Im Historismus erlebte der Fachwerkbau eine Wiedergeburt unter anderen Voraussetzungen. Die Geschosshöhen erscheinen für diese Bauweise überdimensional, das Fachwerk ist schlank, die Gefache wirken schmal. Es herrschte eine Materialfarbigkeit vor. "Jede Farbe, die bei gewöhnlicher Architektur nicht an irgendein Baumaterial erinnert, wird schon etwas Anstößiges haben." So beschreibt die Kunsthistorikerin Christel Darmstadt den Übergang von Klassizismus zum Historismus in ihren Publikationen. Also wurde Holz braun gestrichen, weil Holz braun ist.

Der Jugendstil wollte den Historismus in allen Belangen überwinden. Besann sich Letzterer auf die Vergangenheit, zeigte der Jugendstil die ihm typische Handschrift: bewegte, geschwungene Linien, Darstellung von Insekten und sonstigen Tieren, Flora und Fauna. Farbig waren diese Gestaltungselemente, aber selten so bunt, wie man es sich heute vorstellt. Was hier jedoch an Steinbauten machbar war, ist in der Fachwerkarchitektur nur bedingt umsetzbar. (ng)