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27.03.2013

Institutionen in Rot

Warum Rote Listen für Naturschützer wie auch für Apotheker eine große Bedeutung haben

Sie sind rot und aus Papier, ihr Name ist identisch, doch sie haben rein gar nichts miteinander zu tun: die sogenannten Roten Listen. Seit Jahrzehnten sind sie geradezu Institutionen bei Biologen und Naturschützern einerseits und bei Ärzten und Apothekern auf der anderen Seite. Warum sie jedoch gerade rot sind, das hat Gründe, die heute kaum mehr nachvollziehbar sind.

Rot ist sie schon seit 1935, die heute in jeder Arztpraxis und jeder Apotheke präsente Rote Liste. Allerdings war die Farbe der ersten Ausgabe (im Bild vorn) etwas dezenter. Foto: Rote Liste Service GmbH, CC-Lizenz
Rote Liste, Foto: Rote Liste Service GmbH, CC-Lizenz

Die älteste Rote Liste ist fast achtzig Jahre alt: Im Jahr 1935 gab eine Institution mit dem sperrigen Namen "Fachgruppe Pharmazeutische Erzeugnisse der Wirtschaftsgruppe Chemische Industrie" ein Buch heraus, das einen gleichfalls sperrigen Untertitel trug: "Preisverzeichnis pharmazeutischer Spezialpräparate". Darin waren die in Deutschland vertriebenen Arzneimittel samt Preisen aufgelistet.

Hier fanden sich Mittel wie das auch heute noch millionenfach verkaufte Aspirin, aber auch längst vom Markt verschwundene Präparate mit vielversprechend klingenden Namen wie "Dr. Ploenes Asthmazigaretten", "Kratzerts Königsteiner Nervenspiritus", die "Lebertran-Emulsion Eisbär" oder gar eine "Arzneischokolade" – wahlweise erhältlich mit abführender oder stopfender Wirkung.  

Das schon damals in Rot gehaltene Verzeichnis trug bezeichnenderweise den Titel "Rote Liste" und dazu die Jahreszahl 1935, war jedoch nicht das erste seiner Art: Eine solche Liste kam in Deutschland erstmals bereits 1933 heraus – damals allerdings nicht in dezentem Rot, sondern in Grün. Welche Hintergründe die Wahl dieses Grüns und der spätere Wechsel zum Rot hatten, vermag heute niemand mehr zu sagen. Tatsache ist: Die Rote Liste – seit 1935 nur mit einer Unterbrechung von 1941 bis 1948 jährlich erschienen – ist heute das NAchschlagewerk für Ärzte und Apotheker.

Hier finden Mediziner und Pharmazeuten fast alle in Deutschland vertriebenen Präparate mit deren Inhaltsstoffen, Anwendungsgebieten und möglichen Nebenwirkungen. Sortiert sind die Präparate sowohl alphabetisch als auch nach Wirkstoffen und Anwendungsgebieten sowie nach den Herstellern. Vollständig ist die Rote Liste allerdings nicht: Da die Einträge für die Hersteller kostenpflichtig sind, verzichten einige Unternehmen auf die Aufnahme in das Verzeichnis. Längst gibt es die Rote Liste auch in elektronischer Form, die für Fachnutzer kostenlos zur Verfügung steht.

Der Biber ist ein Beispiel für eine Tierart, die in der Gefährdungsklasse der Roten Liste wieder nach unten gerutscht ist: War die Art vor wenigen Jahrzehnten in weiten Teilen Europas ausgerottet, so ist sie unter anderem dank Auswilderungsaktionen an vielen Flüssen heute wieder anzutreffen. Foto: Per Harald Olsen, CC-Lizenz
Biber, Foto: Per Harald Olsen, CC-Lizenz

Eine nicht ganz so lange Tradition hat die zweite, mindestens ebenso bekannte Rote Liste: Sie wird meist als "Rote Liste gefährdeter Arten" geführt und listet Tier- und Pflanzenarten auf, die vom Aussterben bedroht  sind – oder im Extremfall bereits ausgestorben sind. Die erste Ausgabe dieser Liste erschien im Jahr 1966 und wurde von der Weltnaturschutzunion IUCN als "Red Data Book" herausgegeben. Warum für dieses Verzeichnis die Farbe Rot gewählt wurde, liegt auf der Hand: Rot ist die Warnfarbe schlechthin, und die Urheber der Liste wollen mit ihrem Verzeichnis ja nichts anderes, als vor dem Aussterben der aufgelisteten Spezies warnen.

Listen gefährdeter Arten gab es in Deutschland und auch in anderen Ländern jedoch schon vor 1966 – jedoch nicht unter dem Namen "Rote Liste". Ein Verzeichnis, das diesen Namen trug, erschien hierzulande erstmals 1971 und enthielt eine Aufstellung gefährdeter Vogelarten. Heute wird die "Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands" vom Bundesamt für Naturschutz in bisher drei Bänden herausgegeben, die etwa alle zehn Jahre überarbeitet werden.

Die Kategorien dieser Liste reichen von "ausgestorben oder verschollen" über "vom Aussterben bedroht", "stark gefährdet" und "gefährdet" bis hin zu "ungefährdet". Daneben gibt es noch eine Kategorie "Gefährdung unbekannten Ausmaßes" sowie die Rubrik "extrem selten". Letztere beinhaltet nicht aktuell bedrohte Arten, die aufgrund sehr geringer Populationen jedoch schnell in Gefahr geraten können.

Beruhigend für Naturfreunde ist die Lektüre dieser Liste nicht gerade: So gelten bei den Wirbeltieren lediglich 45 Prozent der 478 bewerteten Tierarten in Deutschland als ungefährdet, geht aus dem 2009 erschienenen Band hervor. Allerdings vermelden die Autoren vom Bundesamt für Naturschutz nicht nur Schreckensnachrichten: Meist nach aktiven Bemühungen für den Naturschutz kommt es immer wieder vor, dass sich die Bestände mancher gefährdeter Tierarten so erholen, dass sie in der Gefährdungsklasse der Roten Liste nach unten rutschen. In der Schweiz gibt es sogar eine eigene Liste für solche Arten: die Liste der erfolgreich erhaltenen oder geförderten Tier- und Pflanzenarten. Als sogenannte Blaue Liste trägt auch sie eine Farbe im Namen. (ud)