03.03.2004

Mozart in Hellblau: Wenn Musik Farben hat

Bei Synästhetikern regen Klänge im Gehirn auch Regionen für die optische Wahrnehmung an

Töne und Farben: Zwei Empfindungen, die bei Synästhetikern untrennbar miteinander verbunden sind. Grafik: cp
Töne und Farben, Grafik: cp

Manche Menschen sehen Farben, wenn sie Musik hören oder wenn ihnen ein bestimmter Duft in die Nase steigt. Auch einzelne Worte oder Zahlen können bei der so genannten Synästhesie zusätzlich zu ihrem gewohnten Eindruck einen Farbeindruck hervorrufen. Bei den Erlebnissen handelt es sich keineswegs um Einbildung, Halluzinationen oder Fantastereien. Modere Untersuchungsverfahren beweisen, dass im Gehirn eines Synästhetikers tatsächlich neben den für den Reiz zuständigen Arealen auch andere aktiv sind.

Musik kann auch eine sichtbare Empfindung sein – so wie bei der jungen Frau, vor deren geistigem Auge bei Klängen von Mozart weiße, beige und hellblaue Linien und Kreise erscheinen, die sich sanft im Takt auf und ab wiegen. Dieses ungewöhnliche Phänomen, bei dem sich Hören und Sehen miteinander vermischen, wird Synästhesie genannt. Das Wort stammt aus dem Griechischen: syn, zusammen und aisthesis, Wahrnehmung. Ein Reiz ruft dabei nicht nur die Reaktion des passenden Sinnes, sondern gleichzeitig die Reaktion eines anderen Sinnes hervor – die Wahrnehmung vermischt sich.

Geräusche und Farben sind für manche Synästhetiker untrennbar miteinander verbunden. Auch Worte, Wochentage und Monate oder Zahlen können bestimmte Farben haben. Dieses so genannte Farbenhören ist die häufigste Form der Synästhesie. Doch die Miterregung eines Sinnesorgans bei der Reizung eines anderen kann beliebige Kombinationen annehmen. So ist etwa möglich, dass Betroffene einen Geruch oder Geschmack mit Farbempfindungen verbinden.

Die nicht so richtig zum Reiz passenden Wahrnehmungen bilden sich Menschen mit Synästhesie keineswegs ein. Das synästhetische Gehirn scheint anders verschaltet zu sein als das von Menschen, die diese gekoppelten Empfindungen nicht haben. Das legen Hirnscans mit Kernspintomographen nahe. Hört ein Synästhetiker einen Ton, bei dessen Klang er eine bestimmte Farbe sieht, ist nicht nur das Hörzentrum in seinem Gehirn aktiv, sondern auch das Sehzentrum. Es ist, als habe er tatsächlich gleichzeitig eine farbige Fläche oder ein Muster gesehen. Die Erregung im Hirn, die für diesen optischen Eindruck verantwortlich ist, hat ihren Ursprung jedoch nicht wie gewöhnlich in den Sinneszellen des Auges. Sie entsteht im Gehirn selbst.

Forscher vermuten, dass sich die Verknüpfungen zwischen bestimmten Reizen und Empfindungen in den ersten Lebensmonaten bilden. Untersuchungen an Säuglingen zeigen, dass akustische Reize bei den Kleinen nicht nur das Hörzentrum, sondern auch das Sehzentrum aktivieren. Bei den meisten verliert sich diese angeborene Fähigkeit jedoch im Laufe des Lebens oder schwächt sich stark ab. Bleibt sie erhalten, merken die meisten Synästhetiker spätestens im Schulalter, dass sie die Dinge etwas anders wahrnehmen als viele andere Menschen.

In einer schwächeren Ausprägung ist Synästhesie jedoch allgemein verbreitet: Viele kennen das unangenehme Gefühl, das über die Tafel quietschende Kreide auslöst – es geht über Hören allein weit hinaus. In den achtziger Jahren meinten Wissenschaftler noch, dass nur etwa einer von 25.000 bis 100.000 Menschen ein Synästhetiker ist. Heute gehen Schätzungen von weit mehr aus: Bei einem von 500 bis 2.000 Menschen vermuten Experten eine Überschneidung der Sinne. Da in Familien oft eine Häufung des Phänomens auftritt und Frauen weitaus häufiger Synästhetiker sind als Männer, wird von einer Vererbung der Fähigkeit über das X-Chromosom ausgegangen.

Synästhesien sind individuell einzigartig wie ein Fingerabdruck – kein Mensch sieht die gleichen Farben zu den gleichen Tönen. Sie geschehen unwillkürlich und können nicht abgeschaltet werden. Und die Verbindungen bleiben das ganze Leben konstant. Wer als Kind schon die Zahl Zwei mit Dunkelgrün verbindet, tut dies als Erwachsener immer noch. Häufig sind Synästhetiker besonders kreativ, wie beispielsweise der Maler Wassily Kandinsky. Von ihm wird erzählt, er habe Farbtöne gesummt, bevor er sie auf seiner Palette zusammenmischte.