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16.03.2011

Mystisches grünes Leuchten im alten Kirchenraum

Zweimal im Jahr erscheint im Straßburger Münster ein rätselhafter Lichtstrahl

Am 21. März ist es wieder so weit: Dann wird im Straßburger Münster ein rätselhafter grüner Lichtstrahl erscheinen – sofern die Sonne scheint. Das Sonnenlicht dringt dann durch einen kleinen Ausschnitt eines Mosaikfensters in das Innere der Kirche. Das betreffende Glasstück färbt den Lichtstrahl grün, der dann wie ein Finger durch den Kirchenraum wandert und so schließlich den geschnitzten Baldachin über dem Christuskopf an der Kanzel erreicht. Das Phänomen ist im Frühjahr und Herbst jeweils um die Tag- und Nachtgleiche für einige Tage immer zur Mittagszeit zu beobachten. Ob dieser geradezu mystisch anmutende "Grüne Strahl" allerdings ein zufälliges Phänomen oder pure Absicht ist, darüber gehen die Ansichten bis heute auseinander.

Der Grüne Strahl im Straßburger Münster erreicht nach einigen Tagen den geschnitzten Baldachin über der Christusfigur an der Kanzel. Foto: Jean-Claude Hatterer, public domain
Grüner Strahl. Foto: Jean-Claude Hatterer, public domain

Für Maurice Rosart ist der Fall klar: Der "Grüne Strahl" ist das Produkt eines klugen Geistes, glaubt der Straßburger Vermessungsingenieur. Er gilt als der Experte schlechthin für das Phänomen, denn er hat den Lichteffekt, dem bis dahin wohl niemand Bedeutung geschenkt hatte, im Jahr 1972 (wieder)entdeckt. Seit Rosart 1984 mit seiner Entdeckung an die Öffentlichkeit gegangen war, ist der "Grüne Strahl" zweimal im Jahr eine touristische Attraktion im Elsass.

Der "Grüne Strahl" ist ein Zeitmesser, der die Tag- und Nachtgleiche anzeigt, interpretiert Rosart das Phänomen. Möglicherweise geht er schon auf die alten Münsterbaumeister zurück, die der Kirche zwischen dem 12. und dem 15. Jahrhundert ihre heutige Gestalt verliehen hatten. Möglich sei aber auch, dass der Lichtstrahl dazu diente, die Mitte des 19. Jahrhunderts im südlichen Querschiff installierte astronomische Uhr nachzujustieren. Aus früheren Zeiten gibt es allerdings keinerlei Berichte über das Phänomen, was den Fall umso rätselhafter macht. Das alte Archiv der Münsterbaumeister, das vielleicht hätte Auskunft geben können, ist seit den Zeiten der französischen Revolution verschollen.

Der jüdische Stammvater Juda, aus dessen Fuß der grüne Lichtstrahl zu kommen scheint, wendet seinen Blick nach oben – zur Sonne. Foto: Maurice Rosart, public domain
Fenster.   Foto: Maurice Rosart, public domain

Wissenschaftler wie der Astronom André Heck vom Astronomischen Observatorium in Straßburg sind hingegen skeptisch, ob sich hinter dem "Grünen Strahl" tatsächlich höhere Absichten verbergen. Selbst zur Zeit des Münsterbaus hätte es schon astronomische Messmethoden gegeben, die deutlich genauer arbeiteten als der doch eher diffus durch Kirchenschiff leuchtende Lichtstrahl, schreibt der Wissenschaftler in einer 2005 erschienenen Abhandlung.

Laut Heck könnte das Phänomen sogar auch erst in jüngster Zeit entstanden sein: Infrage kommt das Jahr 1875, als das betreffende Glasfenster eingebaut wurde, oder sogar die 1950er Jahre, als Reparaturen an dem Fenster nötig waren. Gut möglich, dass erst damals zufälligerweise ein Glasstück eingesetzt wurde, das den bemerkenswerten Lichteffekt in der Kirche auslöst. Das würde auch erklären, dass es keinerlei alte Überlieferungen über das Lichtphänomen gibt.

Solche Erklärungen können die Begeisterung vieler Besucher jedoch nicht schmälern: Fasziniert vom Lichtzauber in dem gewaltigen Kirchenschiff und dem Hauch mittelalterlicher Mystik blicken sie hinauf zu dem großen Südfenster. Es zeigt Juda, einen der zwölf jüdischen Stammväter. Demonstrativ scheint er seinen Blick in den Himmel – zur Sonne – zu richten. Sein linker Fuß enthält das entscheidende Bauteil: Aus jenem Glasstück des Mosaiks scheint der grüne Lichtstrahl zu kommen. Und im Bauwerk begeistert sogar einen weiterer Lichteffekt staunende Besucher: Zur Zeit der Wintersonnenwende erhellt ein nicht weniger symbolträchtiger weißer Lichtstrahl den Kirchenraum und trifft gleichfalls auf den Baldachin über der Christusfigur. (ud)

 

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